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Von Gesina Zöller

Enge Türen, steile Treppen, Stufen wohin das Auge reicht. Heidelberg – und  ganz besonders die romantische Altstadt – sind weit davon entfernt „barrierefrei“ zu sein. Das Projekt „Hürdenlos“ erneuert deshalb den „Stadtführer für Menschen mit Behinderungen“ und macht auf Probleme aufmerksam.

Gemeinsam mit dem beirat von menschen mit behinderungen der Stadt Heidelberg (bmb) rief der Verein zur beruflichen Integration und Qualifizierung e.V. (VbI) das Projekt im Frühjahr 2010 ins Leben. Nicht nur Heidelberger BürgerInnen, sondern auch BesucherInnenn der Stadt soll ab Sommer 2011 eine Internet-Plattform darüber Auskunft geben, wie einfach oder schwer zugänglich Geschäfte, Ämter, Restaurants, Kinos und andere öffentliche Einrichtungen sind. Denn der bereits existierende Stadtführer im Printformat ist längst veraltet und enthält nur wenige Informationen. Um das zu ändern, wurde für „Hürdenlos“ eine spezielle  Software angeschafft, die sogenannte „Vermessungsbögen“ erstellt. Die Bögen enthalten Antworten auf folgende Fragen: Gibt es Stufen und wenn ja, wie viele und welche Maße haben sie? Wie groß ist der Ladenraum? Gibt es genug Raum zum Rangieren? Wie sind die Lichtverhältnisse? Wurden gute Kontraste für Sehbehinderte berücksichtigt? Gibt es spezielle Angebote für Menschen mit anderen Sinneseinschränkungen oder Lernbehinderungen?

An „Hürdenlos“ arbeitet ein Team um die Projektleiterin Martina Götz und Ihre Mitarbeiterin Silvia Grauer vom VbI e.V., bestehend aus sogenannten AGHMs (Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung) und eine Handvoll Ehrenamtlicher. Alleine oder in Teams vermessen sie die Einrichtungen, die vorher ihr Einverständnis gegeben haben. Ausgestattet mit einem Ausweis, Metermaß, Stift und den Vermessungsbögen ziehen sie durch die Heidelberger Stadtteile. Anschließend werden die Ergebnisse gemeinsam abgeglichen und in die Datenbank eingetragen. So werden die Orte nach ihrer Zugänglichkeit eingestuft. Schritt für Schritt tasten sich die Vermesser voran. Zunächst standen kleine Läden im Fokus: Bäckereien, Metzgereien und Frisöre. Mittlerweile sind auch viele Restaurants, Apotheken, Ämter, Museen und Supermärkte erfasst. In den kommenden Monaten stehen noch Arztpraxen, Krankenhäuser, verschiedene Sehenswürdigkeiten und Übernachtungsbetriebe auf dem Programm.

Die meisten Menschen reagieren positiv auf die Anfrage vom VbI e. V. und sind daran interessiert, was sie tun können, um Hürden zu beseitigen. Allerdings stößt Götz auch auf Ablehnung. Besonders oft wollen Physiotherapeuten / Krankengymnastikpraxen nicht mit ihren Daten aufgenommen werden. Vermutlich fürchten sie „schlechte“ Bewertungen durch die Software und dadurch geschäftsschädigende Auswirkungen. Von den 2.500 Objekte, die ursprünglich im Stadtführer aufgenommen werden sollten, können deshalb nur etwa 1.000 realisiert werden.

Erwähnenswert ist hierbei, dass der Bewertung der Objekte im Bezug auf Mobilitätseinschränkungen die derzeitig gültigen DIN-Normen über Barrierefreies Bauen zu Grunde liegen. Sie besagen, dass auch für Menschen mit schweren Behinderungen die Zugänglichkeit selbstständig, also ohne fremde Hilfe, gewährleistet sein muss. Mobilitätseinschränkungen sind sehr verschieden. So kann auf Grund der Maße, die in der Datenbank zur Verfügung gestellt werden, jeder Betroffene für sich selbst entscheiden, ob er mit den Gegebenheiten vor Ort zurecht kommt oder nicht. Es ist also durchaus möglich, dass ein Gebäude vom System als „nicht barrierefrei“ eingestuft wurde, für einen weniger stark eingeschränkter Rollstuhlfahrer aber dennoch zugänglich ist, weil er z.B. eine Treppenstufe allein überwinden kann.

„Es ist interessant“, sagt Götz, „wie Menschen mit dem Thema „Barrierefreiheit“ umgehen. „Viele denken, da sei nur eine kleine Gruppe betroffen, dabei nimmt die Anzahl der Menschen mit verschiedensten Einschränkungen zu.“ Die Bevölkerung altert und dementsprechend werden Gehstöcke, Rollatoren und Rollstühle immer häufiger in Gebrauch sein. Zusätzlich profitieren natürlich auch sehschwache Menschen, Menschen mit Gepäck, Eltern mit Kinderwagen und Kinderwagen von barrierefreier Bauweise. „Wir haben es hier mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun“, sagt Götz. Es sei außerdem verblüffend, dass eine barrierefreie Bauweise niemanden stören würde. Ganz im Gegenteil, die großzügigeren Flächen und Räumen sowie Gebäude mit Aufzug, würden in der Regel als sehr angenehm empfunden und bevorzugt besucht werden.

Da das Projekt vor allem durch freiwillige Helfer getragen wird, ist Unterstützung jederzeit willkommen. Interessierte können sich gerne an Martina Götz (VbI e. V., Alte Eppelheimer Straße 38, 69115 Heidelberg, Tel. 06221/9703-34, m.goetz@vbi-heidelberg.de…www.vbi-heidelberg.de…)  wenden.

Foto: Paul-Georg Meister  / pixelio.de…




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