skip to Main Content
closeDieser Artikel wurde vor 6 Jahren 3 Monaten 27 Tagen veröffentlicht. Die Informationen in diesem Artikel sind möglicherweise veraltet. Bitte benutzen Sie die Suche oder das Archiv, um nach neueren Informationen zu diesem Thema zu suchen.

-Von Tobias Betzin –

Die Zuschauer betreten den Saal, der sie mit akribisch vorbereitetem Chaos empfängt. Eine Soundcollage bildet die Untermalung zu sechs Real-Life-Dioramen, die den Teilnehmern zur freien Erkundung präsentiert werden. Teilweise verstörende Bilder werden hier im als „Produktion“ betitelten Teil des Abends gezeichnet. Da gibt es eine Kleinwüchsige, die scheinbar emotionslos und mit routinierter Genauigkeit Attrappen von weißen Tauben zerstückelt. Die Geräusche, die dabei entstehen, werden mit einem Mikrofon eingefangen und über ein Megaphon wieder in den Saal geleitet. Da gibt es drei Darsteller, die mit einem Mp3-Player bewaffnet, zwischen den Zuschauern umherwandern und das Stück „Künstlerschweine“ des Hamburger Kunstkollektivs HGich.T nachsingen. Jedes der Dioramen ist auf eine bestimmte Art und Weise mit der Außenwelt verbunden. Die Kommunikation erfolgt allerdings unidirektional. Das, was in den Dioramen produziert wird, wabert als Bild, Text, Gesang, Musik, Lärm durch den Äther und baut so eine Flut von gegenläufigen Reizen auf, ohne, dass der Betrachter die Möglichkeit hat, Einfluss darauf zunehmen.

Mit dieser Verwirrung zum Anfassen empfängt die Theatergruppe Rampig ihre Zuschauer und lädt sie ein, in ihre Adaption von Albert Camus „Pest“ einzutauchen. 1947 als Sinnbild für die Wirren und die Absurdität des Zweiten Weltkrieges erschienen, findet der Roman auf der Theaterbühne Anwendung als Spiegel für schonungslose Kritik an der modernen Gesellschaft und ihrem Zeitgeist.

Wer eine konventionelle Theaterdarbietung hinter der Aufführung vermutet, sieht sich getäuscht. „Pest“ ist sowohl Rauminstallation, als auch Theater und Performance in einem. Die Grenzen zwischen Publikum und Bühne sollen durchbrochen werden. Permanent. Wo den Theaterbesucher normalerweise akkurat angeordnete Sitzreihen in reichlich Sicherheitsabstand zu den Schauspielern erwarten, wird der Zuschauer hier aufgefordert sich selbst seine Sitzgelegenheit zu nehmen und nach Herzenslust in einem gekennzeichneten Bereich aufzustellen.

Es beginnt der zweite Teil des Abends; der „Konsum“. Die Schauspieler wenden sich den Betrachtern als Zombies zu und beschreiben die Charaktere des Stücks, die sie zwar umreißen, aber keinesfalls verkörpern. Die Geschichte aus Camus Pest wird eher beiläufig erzählt. Es gibt keine festgeschriebenen Rollen in dieser Aufführung, da jeder Schauspieler seinen Teil dazu beiträgt, dass die Geschichte von einem Kollektiv erzählt werden kann, dessen Handlungen das Erzählte unterstützen.

Im Mittelpunkt steht eine nicht näher beschriebene Stadt, in der gehäuft Ratten auftreten, aber unter mysteriösen Umständen verenden. Die Bewohner sind zunächst unbeeindruckt von diesen Geschehnissen. Jedoch finden sich immer mehr tote Ratten in den Straßen der Stadt, so dass sie diese nicht länger ignorieren können. Bald ist von einer Epidemie die Rede. Denn mit den sterbenden Ratten geht auch der Tod der Menschen einher. Die Zustände spitzen sich immer weiter zu. Die hiesigen Ärzte und Krankenhäuser sind nach kurzer Zeit schon überfordert mit der Flut an Kranken.

Immer mehr Menschen sterben an der Pest. Die Stadt wird isoliert und von der Außenwelt abgeschnitten. Bald schon sind nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die Friedhöfe überfüllt. Leid und Tod sind allgegenwärtig. Dennoch, so scheint es, geht das Leben irgendwie weiter. Die Bewohner der Stadt versuchen der Eskalation der Ereignisse mit der Eskalation ihrer Exzesse entgegenzuwirken. Sie werden so zu einer homogenen Masse, die sowohl als Leidensgenossen, als auch im gemeinschaftlichen Freudentaumel zusammengeschweißt werden. Nach vielen verzweifelten Maßnahmen, vielen Verlusten und vielen Extremen von Hoffnung und Resignation, überwindet die Stadt die Pest.Offen bleibt letzten Endes, was die Pest denn nun eigentlich ist. In einzelnen Episoden lässt es sich erahnen, dass sie Konsum, Verrohung, gesellschaftliche Normen, Konventionen, Zwänge, Unbedarftheit, Uniformität, Voyeurismus, Exhibitionismus, Kulturverfall oder Verblendung sein könnte. Doch eine endgültige Antwort, wird dem Zuschauer nicht gegeben. Nur eines wird im Verlaufe des Stücks klar:

„Kein Mensch auf dieser Welt ist von der Pest unberührt.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Back To Top