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oder warum die Alliierten Heidelberg WIRKLICH verschont haben

Man kennt das: Geschichtslehrer fügen am Ende der immergleichen Erklärung den immergleichen Zusatz an. „In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wurden viele deutsche Städte durch alliierte Luftangriffe teilweise, oder gar völlig zerstört – außer Heidelberg.“ Häufig folgt dann, um diesen Sachverhalt zu erklären, ist auch die Theorie, dass die Amerikaner ja schließlich irgendwo ihre Zelte aufschlagen mussten und nicht erst wieder eine Infrastruktur aufbauen wollten, die sie vorher selbst zerbombt haben. Und dann kommt immer Mark Twain ins Spiel, der ja unter den beleseneren US-Bürgern die Heidelberg-Romantik gesät hat. Dabei ist in Wirklichkeit ein ganz anderer Mann dafür verantwortlich: Walt Disney.

Disney galt in seinem Schaffen zeitlebens als absolut unpolitisch – schließlich hatte er ja eine Verfilmung von Kästners „Die Konferenz der Tiere“ mit der Aussage „no politics“ seinerzeit abgelehnt. Dass er zu diesem Zeitpunkt schon eine Propaganda-Arbeit für die US-Streitkräfte unter dem Titel „Der Fuehrer’s Face“ produziert hatte, für die er 1943 sogar einen Oscar bekam, wissen die Wenigsten. Während der Produktion zu besagtem Werk hatte Disney viel mit dem Militär zu tun. Parallel dazu betrieb er ein wenig Recherche, um sich bei der Umsetzung nicht nur auf Stereotype verlassen zu müssen. Dabei stieß er auch auf das beschauliche Neckarstädtchen Heidelberg. Er war fasziniert von der Dichte der erhaltenen mittelalterlichen Strukturen, die sich in der Altstadt finden ließen. Ganz zu schweigen von dem malerischen und einst prunkvollen Schloss. Dass Disney einen ausgesprochenen Faible für solcherlei Dinge hatte, lässt sich anhand der 1937 erschienenen „Schneewittchen“-Zeichentrickverfilmung belegen.

Gegen Ende des Krieges, als die Alliierten immer weiter in das Deutsche Reich vorrückten, erfuhr Disney eher zufällig davon, dass die US-Streitkräfte Heidelberg ins Visier nehmen wollten. Durch ein paar Telefonate und persönliche Treffen konnte er in einer Hau-Ruck-Aktion die obersten Militärs, zu denen er noch sporadisch Kontakt hatte, davon überzeugen, die Stadt ohne Luftunterstützung einzunehmen. Ob Geld dabei geflossen ist, kann heute nicht mehr belegt werden.

Was auf den nun ersten Blick wie die Geistesgegenwart eines wohlwollenden Mittelalter-Narren aussieht, ist auf den zweiten leider weniger schmeichelhaft: Disney ging’s ums Geld. Seit der Produktion von „Schneewittchen“ hatte er sich in den Kopf gesetzt, einen eigenen Themenpark in kitschiger Mittelalter-Optik zu errichten. In den USA hatte man aber zu Kriegszeiten andere Sorgen, als Disneys Spinnereien, so dass seine Ideen dort auf wenig Gegenliebe stießen. Als er in seinen Recherchearbeiten das erste Mal über Heidelberg stolperte, erkannte er das Potential der Stadt: Schloss, Mittelalterliche Bausubstanz, Fluss, Berge – perfekt. Er musste nur noch abwarten, bis sich das Blatt zu Gunsten der Amerikaner wendete. Als das nach dem geglückten D-Day der Fall war, konkretisierte er seine Pläne: Heidelberg sollte das erste Disneyland werden. Nach der verhinderten Zerstörung der Stadt kam ihm die bedingungslose Kapitulation der Deutschen wie gerufen. Er würde die Stadt für ’nen Apfel und ’n Ei bekommen. Sofort trat er in Verhandlungen mit der Stadtverwaltung, um gleich Nägel mit Köpfen zu machen. Dort war man begeistert: schließlich waren die Kassen der Stadt leer und es mussten immer mehr Vertriebene aus ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten aufgenommen werden.

Allerdings stellte Disney einige Bedingungen: die Straßenbahn in der Hauptstraße müsse noch verschwinden. Das sei zu gefährlich, wenn auf der Hauptachse des Parks auch noch die Bimmelbahn unterwegs wäre. Auch durfte kein irgendwie modern wirkendes Gebäude in der Altstadt errichtet werden, um nicht die Atmosphäre der kitschigen Perfektion zu zerstören. Und hier begann die Misere: niemand wollte wirklich so weit gehen, die Straßenbahn aufzugeben. Das ein oder andere Gebäude für eine Achterbahn, Imbissstand oder Souvenir-Shop einzureißen ist die eine Sache und auf neu(modische) Gebäude konnte man getrost verzichten, schließlich hatten sich die alten ja über Jahrhunderte bewährt. Aber gleich die Straßenbahn? Die Verhandlungen zogen sich und zogen sich und blieben doch ergebnislos. Disney war jedoch so großzügig, sein Angebot der Stadt gegenüber aufrecht zu erhalten. Heidelberg konnte, wenn die Straßenbahn einmal beseitigt wäre, jederzeit auf ihn zukommen.

Die Jahre gingen ins Land. Disney eröffnete 1955 seinen ersten Park unter dem Namen „Disneyland“ in Anaheim, Kalifornien. Ewig wollte er ja nicht auf die Heidelberger warten, obwohl das Projekt bis zum Ende sein Steckenpferd blieb. 1966 starb Disney. Erst zehn Jahre später konnten sich die Heidelberger unter dem Oberbürgermeister Reinhold Zundel darauf einigen, die Hauptstraße der Tram zu entledigen. Als man jedoch bei den Walt Disney Studios anrief, wollte die neue Unternehmensleitung davon allerdings nichts wissen.

Bis heute ist die Stadt geteilt in jene, die immer noch versuchen, Disneys Auflagen zu erfüllen und die, die die Hoffnung schon aufgegeben haben und wieder eine Straßenbahn in der Altstadt haben möchten. Konsens war jedoch, da man sich nicht mehr auf den Disney’schen Geldsegen verlassen könne, dass man sich lieber als Wissenschaftsstandort profiliert. Schließlich hatte man ja auch noch eine Uni in der Altstadt rumstehen… (tb)

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