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Die neue RAMPIG-Inszenierung feiert im ausverkauften Haus der Jugend Premiere

Von Tobias Betzin

„Etwas ist faul im Staate Dänemark“ ist eines der mittlerweile geflügelten Worte, die man aus Shakespeares Drama „Hamlet“ kennt. Doch dass ein mehrere hundert Jahre altes Stück, das eigentlich zum Standardkanon der englischen Literatur gehört, immer noch Raum für Neues und Unbekanntes in sich trägt, stellt das Ensemble RAMPIG mit seiner Inszenierung eindrucksvoll unter Beweis.

Dabei ist es weniger Inszenierung als viel mehr Sezierung des Stoffs. Die Figuren und deren Text werden auseinander genommen und neu zusammen gesetzt, um so eine völlig neue Geschichte auf demselben Grundtenor aufbauend zu kreieren.

Das Stück beginnt mit der Geburt der Darsteller. Zumindest kann man es so interpretieren. Denn sie stehen wie in Trance (bis auf Unterwäsche) nackt im Raum, während ihre Haare an die Decke des Raumes ge(nabel)schnürt sind. Allmählich erwachen sie aus dem Zustand der Bewusstlosigkeit, befreien sich von den Schnüren, erlangen Bewusstsein, erkunden sich und ihren Körper, lernen.

„Geboren“ werden sie hinein in einen Raum, der voll von parallelen Abläufen ist, die von ihrer Fleischwerdung keine Notiz zu nehmen scheinen. Untermalt von loungiger Chill-Out-Musik (die das gesamte Stück pausenlos begleitet) bemalt ein Künstler auf einer Leiter eine schätzungsweise 20m² große Wand und eine Darstellerin arbeitet mit einem Fleischwolf. Drei gestapelte Fernseher spielen in Endlosschleife die Videosequenz der im Wasser treibenden toten Ophelia.

Schnell entfaltet sich dann die Szenerie; Hamlet ist nicht nur eine Person. Hamlet wird vom Kollektiv verkörpert. Ebenso wie Ophelia. Der Handlungsort ist nicht Dänemark, sondern die gesamte westliche Welt. Das in diese losgelassene Kollektiv erzählt fast aus Versehen in Bruchstücken Hamlets Geschichte – jeweils in neuen Kontexten. Denn hier berühren sich die Rat- und Orientierungslosigkeit im klassischen Stück mit der der Protagonisten. Die absolute, alles umfassende Wertlosigkeit ist immer wieder Leitmotiv in Hamlets Leben. Äußerst plastisch stellen dabei die Schauspieler den mechanisch wirkenden Zweiklang aus Funktion und Exzess dar.

Während die Funktion notwendiges Übel ist, das sich – mehr oder weniger – schweigend ertragen lässt, folgt die eigentliche Qual im Exzess; denn Hamlet ist auf der Suche nach Sinn und Erfüllung. Doch in dieser „wunderbare[n] Welt des Genusses“ und „Überflusses“ wird jede starke Empfindung von noch mehr Bedeutungslosigkeit und Gleichgültigkeit durch Unterhaltung erdrückt, so dass ihr kein Raum bleibt, sich zu entfalten.

Die Selbsterkenntnis („ich habe es satt, ein hochbegabter Affe zu sein“) ist dabei ein langer Prozess, der in der Frage nach dem „Sein oder Nichtsein“ gipfelt. Dabei spielt das allgegenwärtige Fleisch eine zentrale Rolle. Hamlets Schwermut und Gleichgültigkeit macht alles Fleisch zu totem Fleisch; egal ob es gerade in Wurstform verspeist wird, oder sich bewegt und spricht.

„Hamlet“ ist die Visitenkarte der nach dem Ende des kalten Krieges in ein Furcht- und Wertevakuum Hineingeborenen. „Denn den einen finsteren Onkel, der das Verbrechen begangen hat, gibt es nicht mehr“. Orientierungslosigkeit durchdringt alle Bereiche von Hamlets Leben. Eine Trennung in richtig und falsch, gut und böse ist nicht (mehr) möglich. So kommt es, dass Politik, Geschlechterrollen, Beziehungsleben der Sinnfrage unterworfen werden. So kommt es, dass aus einem Verzweiflungsschrei Beethovens Mondscheinsonate erwächst. So kommt es, dass am Ende eine selbstbezogene Symptombeschreibung bleibt: „Wer nichts hat, wofür er sterben würde, hat auch nichts, wofür er lebt.“

Hamlet ist noch am 18./19./20./21./22. Juli um jeweils 20.00 Uhr im Haus der Jugend zu sehen.

Karten unter www.rampig.de…

Foto: rampig

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