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 Von Jürgen Brückmann

17.09.12. — „Das berührt mich gerade ganz toll.“ Uta aus dem „Ruhrpott“ und ihr Begleiter sitzen am Heumarkt, lauschen der Lyrik des Heidelberger Liedermachers Bischler und blicken hinunter auf die Untere Straße. „Ich hatte gar nichts erhofft und finde solch eine bezaubernde Atmosphäre vor.“

Die Untere Straße – das Konzept des Kulturfests mit Kunst, Musik, Literatur sowie Speis und Trank ging auf.

So wie Uta ging es den meisten der ca. 5.000 einheimischen und auswärtigen Besucher des 1. Kulturfests „Gassenhauer“ in der Unteren Straße, die in letzter Zeit der Kritik ausgesetzt war und der des Öfteren behördliche Handschellen angelegt wurden. Welcher Zauber und welches Leben in der Altstadt jedoch von ihr ausgehen können bewies sie am 15.09. Von 12 – 19 Uhr warteten die ortsansässigen Galerien, Kunsthandwerks- und Schmuckgeschäfte, Schallplattenläden, Textilgeschäfte und Lokale gemeinsam mit den Buchhandlungen und Antiquariaten aus der Altstadt mit einem Kunst-, Bücher- und Kulturmarkt auf, der sich durch die gesamte Untere Straße zog.

 

Bischler (voc, git.) mit Sebastian an den Keyboards auf dem Heumarkt. Im Hintergrund freut sich Cotisuelto Smrz auf seinen folgenden Auftritt.

 

ZDF-Moderator Norbert Lehmann (Mittagsmagazin), der wie so viele Menschen sein „Herz“ in Heidelberg verlor und seit einigen Jahren hier lebt, zeigte sich ebenfalls beeindruckt: „Die Untere Straße ist geballter Charme auf 100 Metern Länge und nur vergleichbar mit der Düsseldorfer Altstadt oder der Leipziger Barfußgasse. Ich habe selbst ein Jahr am Fischmarkt gelebt und ja – der Ohropax-Konsum war hoch. Aber diesen Kompromiss muss man eingehen.“

Ein Freund der Kultur – ZDF-Mittagsmagazin-Moderator Norbert Lehmann lebt in Heidelberg.

Auch der weit über die Grenzen Heidelbergs hinaus bekannte Rapper Torch ließ es sich nicht nehmen, die Veranstaltung von Laszlo Fehers Musikzimmer aus zu beobachten. Feher zeigte sich für die Koordination der Veranstaltung verantwortlich und bildete gemeinsam mit Angela Mahmoud, die ihren neuen Treffpunkt Kunst in der Galerie Grüner Engel zum Kulturfest eröffnete, Florian Kuzler aus der Wohnküche und Jennifer Bieser vom Keramikofen das Kreativ-Team vor Ort.

 

Pause im Musikzimmer: Frank Zumbruch, Torch, Laszlo Feher mit bezaubernder Begleitung. (v.l.n.r.)

 

 

Angela Mahmoud im neu eröffneten Treffpunkt Kunst in der Galerie Grüner Engel. Zur Auftaktvernissage kam der Stuttgarter Künstler Stefan Noss . Noss ist Meisterschüler von A.R. Penck und zählt mit seinen expressiven Zeichnungen und Gemälden von immer wieder neu interpretierten Gesichtern zu den stärksten und bekanntesten Künstlern der Düsseldorfer Kunstakademie seiner Generation. Seine Bilder sind noch bis zum 5. Oktober zu sehen.

 

Impulsgeber und Mitorganisator des Kulturfests war Frank Zumbruch, der Heidelberger Beauftragte für Kultur- und Kreativwirtschaft, dem einige Gemeinderatsmitglieder vor wenigen Wochen noch den Begriff und die Aufgabe „Kultur“ radikal aus seinem Amt streichen wollten. Sein Fazit: „Der `Gassenhauer´ hat gezeigt, wie viel Sympathie und Kreativität in dieser besonderen Lebensader der Altstadt steckt. Einen Nachmittag lang hat der kreative Einzelhandel gemeinsam mit den Buchhändlern und den ansässigen Gastronomen einen besonderen Zauber rund um Literatur und Genuss versprüht. Der Samstag hat mir einmal mehr bewiesen, dass man in Heidelberg gemeinsam viel bewegen kann. Getreu meinem alten Motto: Konstruktion statt Konkurrenz!“

Dass Zumbruch nicht nur seinen Job macht, sondern ihn auch lebt, zeigte er dann später unplugged mit seinen Kollegen des Fullmoon Syndicate, die das rauschende Kulturfest abschloss.

Simone Grimm las Goethe im Keramikofen.

 

 

Klaus Mombrei las „Fragmente von Bruder Bär“ – hier in der Wohnküche.

 

 

 

Nicht nur Sylvie Le Bonheur und Frank Habrik (DAI) lauschen den Poetry-Slam-Poeten Nektarios Vlachopoulos, Dennis Schulz und Philipp Herold.

 

Ich sammele schließlich noch weitere Kommentare von Besuchern. „Warum findet so etwas nicht öfter statt?“  – diese Frage ist mehrfach zu hören. Und oft zusammen mit vielen konstruktiven Ideen, wie z.B. „zur Weihnachtszeit“ oder gerade „im Sommer“. Und dann auch mit einem Kulturprogramm und Angeboten für Kinder. Die fänden oft in den Vororten statt und eben nicht im Zentrum.

 „Traumhaft. So kenne ich die Untere Straße noch nicht. Ich lebe schon einige Zeit hier, aber seit heute fühle ich mich, als wäre ich ein Stück weit mehr in Heidelberg angekommen“, sagte Patrick Bischler, der bereits auf viele Konzerte in Heidelberg zurückblicken kann.

Hanno Haags Kalender Zukunft ist ein soziokulturelles Kunstprojekt über die Kurpfalz hinaus. Menschen können sich frei beteiligen einen besonderen Kalender zu gestalten und ihn über viele Generationen zu verwenden. Der Kalender Zukunft soll 46 Meter dick und in einem Museum als besonders nachhaltiges Werk komplett gedruckt aufgebaut werden.

Auf dem Rückweg treffe ich das Urgestein Heinz Kehrein, der gerade an einer weiteren DVD mit historischem Heidelberger Filmmaterial arbeitet, gemeinsam mit anderen Bewohnern der Altstadt und der Unteren Straße. Wie ihnen das heutige Fest gefallen hätte, frage ich in die Runde. „Prima. Das ist die Untere Straße, wie sie war und ist“, entgegnet man mir. Ob sie als Anwohner von den Initiativen rund um das „Leben in der Altstadt“ repräsentiert werden, die weiter das „Saufmeilen-Image“ hochhalten? Einige Antworten sind nicht druckreif. „Die kennen wir nicht und die brauchen wir nicht“, klingt es dann etwas moderater. „Gerade wir als Anwohner sind vor allem im Sommer davon betroffen, abends nicht mehr draußen sitzen zu dürfen.“

Der Mann für historische Bilder und Filmaufnahmen aus Heidelberg – Heinz Kehrein.

 

Vielleicht beteiligen sich ja zukünftig diejenigen, die in der Unteren Straße nur ein Symbol für Dreck und Lärm sehen auch mal aktiv bei einer vielleicht kommenden Neuausgabe des Gassenhauer-Kulturfests? Platz genug gäbe es – und auch viele Menschen, die sie in Sachen Kreativität beraten könnten. Ganz viele.

 

„Vollmond“ auf dem Heumarkt – das Fullmoon Syndicate.

 

 

Auch dem Heidelbelberger Maler und Schriftsteller Oded Netivi gefiel der „Gassenhauer“ …

 

Schlendern, plaudern, anschauen, anfassen, kreativ sein – hier vor der Destille.

 Bilder: Jürgen Brückmann, Wolfgang Steche (c steche.de…)

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