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Netz- und piratenpolitische Themen beim 4. „Abschlag“ im Kloster Lobenfeld

Von Jürgen Brückmann

12.09.12 — Am 10.09. lud die Evangelische Stiftung  Schönau zur  4. Ausgabe des politisch- gesellschaftlichen Diskussionsforums „Abschlag“ ins idyllische Kloster Lobenfeld vor den Toren Heidelbergs ein. „Abschlag“ bedeutet dabei, dass das Podium der Diskussionsrunde nicht permanent besetzt ist wie in handelsüblichen  TV-Talkshows, sondern sich offen für alle Besucher anbietet, die ihre Meinung jederzeit äußern und sich mit einem „Abschlag“ selbst „einwechseln“ können. „Fluch der Politik – Alles Piraten oder fertigmachen zum Än-dern?“ lautete diesmal das Motto, zu dem Dr. Silke Borgstedt, Direktorin für Sozialforschung beim Sinus-Institut Heidelberg/Berlin (Sinus-Milieus) als Hauptrednerin gewonnen werden konnte.

 

Pfarrerin Dr. Sabine Bayreuther begrüsst ihre Gäste.

 Borgstedt begann denn auch mit einer interessanten Zusammenfassung zum aktuellen Stand des gesellschaftlichen Wandels und Veränderung  durch und in digitale(n) Netzwerken. Galten in den 50er Jahren noch Pflicht und Disziplin als akzeptierte Grundwerte – wie die Selbstverwirklichung in den 70ern oder der „Faktor Spaß“ in den 80ern – so hätten sich zu Beginn des neuen Jahrtausends Perspektiven und Werte schwerpunktmäßig durch die rasante technologische Entwicklung ergänzt und erweitert,  ohne sie jedoch komplett zu ersetzen. Mittlerweile gelte der Zugang zum Internet und die damit verbundene soziale Teilhabe als anerkanntes Grundbedürfnis. Beispiel dafür: Ein Haushalt ohne Internetzugang gelte heute bereits offiziell als Armutskriterium.

Dr. Silke Borgstedt mit sozialwissenschaftlichen Ergebnissen rund um das Leben im Netz.

Die digitale Teilhabe an der Gesellschaft sei also Voraussetzung für die soziale Teilhabe. Doch dabei sei ein Schnitt zu bemerken: Während 27% der über 30-Jährigen in Deutschland keinen Internetanschluss besäßen, seien es bei den unter 30-Jährigen nur 2%. Und gerade diese Jugend hätte mit den „Piraten“ eine heterogene Bewegung hervorgebracht, die es ohne Internet nicht gegeben hätte und die die „Orientierung an der Normalperspektive schwerer mache“, so Borgstedt.

Aus Freundeskreisen seien soziale Netzwerke entstanden, die sich ganz pragmatisch und scheinbar bar jeder Ideologie gemeinsam austauschen. Sich festzulegen ist nicht ihr Ding, und im Internet könne auch weiterhin ein wenig Anarchie herrschen, wie z.B. die Gruppe der „unbekümmerten Hedonisten“ unter den Usern gern ausführt.

Gesamtgesellschaftlich gesehen sei ausgehend von der weiter wachsenden Digitalisierung zu bemerken, dass sich Menschen, die das Internet sehr gut kennen und sich sicher darin bewegen,  Freiheit als besonders wichtigen Wert definieren. Internetmeider oder solche Gruppen, die das Netz als Gefahr sähen, riefen eher nach dem Staat in einer Schutzfunktion.

Transformiert also die Politik das Netz mit Schutz-, und Gestaltungsaufgaben oder das Netz die Politik, in dem es z.B. durch Bürgerbegehren Transparenz einfordert?

Mit dieser Fragestellung ging es in die Diskussionsrunde. Für Derek Cofie-Nunoo von der Wählerinitiative generation.hd hätte die „Piratenbewegung“ auf lokaler Ebene keine Chancen, da das Misstrauen gegen sie hier zu hoch sei. Auf nationaler Ebene müssten die Piraten zeigen, dass sie altruistisch denken und Politik nicht als reinen Karriereweg betrachten. Außerdem sei es für sie eine wichtige Aufgabe, die vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten „unter einen Hut zu bekommen“. Er verwies auf die Aktion von generation.hd, Videodateien aus dem Gemeinderat zuzulassen, um Engagement, Transparenz und Bürgerbeteiligung zu stärken. Für ihn sei Politik nicht ausschließlich netzgebunden, und er warb um ein breiteres Verständnis des Begriffs: „Wenn man vor die Haustür tritt, so ist das für mich bereits Politik.“

Bedenken wurden geäußert, dass die Piraten eine Kluft zwischen jungen und älteren Bürgern schneiden könnten. Ein weiterer Diskutant bemerkte, dass unterschiedliche Kulturen entstünden – die von Lesern klassischer Medien (Zeitung, TV) und die der Internetnutzer. Unterschiedliche Wahrnehmungen und Informationslagen seien hier die Folge.

Ein junger Teilnehmer erklärte schließlich, dass die Formel „Jugend im Internet = Piraten“ nicht funktioniere. Die Piraten trügen sicherlich die Themen der ambitionierten Netzaktivisten mit sich, die jedoch nicht die Gesamtmeinung der Jugend repräsentiere.

Das stetig wechselnde Podium – rechts Moderator Helge Thomas, links Derek Cofie-Nunoo von generation.hd, daneben Frau Dr. Borgstedt und ein Diskutant aus dem Publikum.

Viele der knapp 80 Besucher blieben nach der Diskussionsrunde auf Einladung von Pfarrerin Frau Dr. Sabine Bayreuther noch auf ein Gespräch und eine Erfrischung, wie z.B. dem Bio-Bier aus der benachbarten Klosterbrauerei Stift Neuburg. Für Klaus-Peter Fritz aus Bammental war die heutige Diskussion etwas zu technisch orientiert: „Ich hätte mir mehr Inhalte zu den Risiken des Internets gewünscht wie gerade aktuell zum Thema `Bettina Wulff´.“ Alle vier „Abschläge“ habe er bereits besucht „und ich komme auch gerne wieder.“

Es ist nicht tragisch, wenn heute nicht ganz „des Pudels Kern“ getroffen werden konnte. Das Grundkonzept von „Abschlag“ ist überzeugend, sympathisch und intelligent genug, um auch einmal einen Abend zu erleben, der durch den Vortrag von Frau Dr. Borgstedt „einfach nur“ sehr informativ war, dem aber in der Diskussionsphase manch polarisierende These und manch Emotion fehlte. Herbeizaubern lässt sich das nicht. Helge Thomas war in seiner Moderatoren-Rolle besonders gefragt; er löste diese Aufgabe auch souverän mit einer Mischung aus Professionalität, Glaubwürdigkeit und Improvisationsvermögen.

Das Geistliche Zentrum Lobenfeld, die Evangelische Stiftung Pflege Schönau, Kontext Kommunikation mit Markus Artur Fuchs und Katharina Schürer-Kommunikation arbeiten bereits an neuen Themen und Terminen. So wird die nächste Ausgabe von „Abschlag“ (leider erst) im Mai/Juni 2013 ein Sujet behandeln, das für einen Teil der Bevölkerung ein sozialverantwortliches  Schlüsselthema ist und beim anderen dafür kreisrunden Haarausfall auslöst: das (bedingungslose) Grundeinkommen. Daniel Häni, einer der bedeutendsten europäischen Impulsgeber, wird dazu aus der Schweiz anreisen.

Bis dahin ist auch Zeit, noch einige politisch und gesellschaftlich interessierte Heidelberger mehr darüber zu informieren, welch innovatives, spannendes und bürgernahes Diskussionsforum im 15 Kilometer entfernten Kloster Lobenfeld entstanden ist.

Infoseite „Abschlag“: www.facebook.com…

Link zum Bericht der stadtredaktion.de… zum 3. Abschlag mit Dr. Franz Alt am 22.05.12: www.bit.ly/Kussyw

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare
  1. Lieber Derek Cofie-Nunoo, welche Aussage meinst Du? Den kompletten Auszug oder nur den Teil: „Für Derek Cofie-Nunoo von der Wählerinitiative generation.hd hätte die „Piratenbewegung“ auf lokaler Ebene keine Chancen, da das Misstrauen gegen sie hier zu hoch sei.“

    Grüße, Jürgen

  2. Lieber Jürgen Brückmann. Die Aussage bezüglich der Piraten habe ich so in keiner Weise geäussert. Vielmehr habe ich zum Ausdruck gebracht, dass die Piraten es auf kommunaler Ebene schwerer haben werden als auf Bundesebe, da vor Ort ein gewisses Misstrauen gegenüber neuen Gruppen im Allgemeinen herrscht.

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