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– Ein Kommentar von Tobias Betzin –

Bereits im Herbst 2011 eröffneten in der Hebelstraße die Breidenbach-Studios. Es war das erste nennenswerte Umnutzungsprojekt der Heidelberger Kultur- und Kreativwirtschaft. Hier wurde als Pilotprojekt die Zwischennutzung leer stehender Liegenschaften für kreativ Tätige erprobt [1].

Nun steht ein neues Großprojekt in den Startlöchern, das sich am 03.03. der Öffentlichkeit von seiner besten Seite zeigte. Das Gelände der alten Feuerwache in der Emil-Maier-Straße soll, jetzt, nach Überflüssigwerdung des Opernzeltes, zunächst für fünf Jahre das zu Hause der Kunst- und Kulturschaffenden Heidelbergs werden, kurzum: aller Kreativer. Aller Kreativer? Nein, eine kleine Gruppe privilegierter, weil zahlkräftiger, hauptberuflich künstlerisch Tätiger mit besten Aussichten auf Gewinnerzielungsmöglichkeiten hört nicht auf, das Konzept zu dominieren.

feuerwacheclosed

Mitnichten geht es dem Projekt darum, nachhaltig Strukturen zu schaffen, in denen sich eine möglichst lebendige (da freie) Kulturlandschaft entwickeln könnte. Das Selbstverständnis der Heidelberger Kultur- und Kreativwirtschaft macht keinen Hehl daraus, dass es vordergründig um Unternehmen der KKW-Branche kreist, weil die – angeblich – so schön im ökonomischen Aufwind seien. Allerdings ist das auch nicht weiter überraschend, denn wie der Name schon sagt, geht es eben nicht um Kultur und Kreativität, sondern um das Wirtschaften damit.

Doch auch, wenn es nicht überrascht, sollte es traurig, mindestens aber nachdenklich stimmen. Förderung und Unterstützung erfahren nicht diejenigen, die ihrer am meisten bedürfen. Gefördert werden diejenigen, die das größte Potential zur kurzfristigen Amortisation des Projektes mit sich bringen. Damit entsteht ein sich selbst erhaltendes System in der Heidelberger Kulturlandschaft: wer seine Fähigkeiten schon soweit geschult hat, dass er in der Lage ist, damit Geld zu verdienen, kann dieses wiederum dazu verwenden, sich quasi die Lizenz dazu zu erkaufen, vor Ort (in Heidelberg) tätig zu sein und nicht auf das wesentlich besser aufgestellte Mannheim ausweichen zu müssen. Wer die in Euro und Cent bezifferte Schwelle zur „Wirtschaftstauglichkeit“ nicht überschreiten kann, hat eben Pech gehabt. Folglich wurde auch hier die Chance vertan, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass eine organische, lokal agierende Kulturlandschaft wachsen und gedeihen kann.

Besonders der Nachwuchs bleibt vom Nutzen des Projekts ausgeschlossen. Sicher, es bieten sich die Möglichkeiten, auch Personen und Institutionen unterzubringen, die mit der künstlerischen Ausbildung des Nachwuchses betraut sind. Das ändert aber nichts daran, dass der nicht zur Projektzielgruppe gehörende Teil der Kreativen – und das muss nicht nur der Nachwuchs sein – keine Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für eigene Ideen erhält. Dies offenbart einen konzeptimmanenten Drall zur Reproduktion.

Besonders schmerzhaft ist diese in Bergheim vertane Chance deshalb, weil auch Möglichkeiten zur Kompensation (willentlich?) ungenutzt bleiben. Schließlich hat der Gemeinderat ja im letzten Jahr ein bebautes Grundstück in der Dischingerstraße 5 erworben, wo genau das umgesetzt werden sollte, was das „Kultur- und Kreativwirtschaftszentrum Alte Feuerwache“ bewusst nicht erfüllt [2]. Allerdings wurde das von erfahrenen und engagierten Akteuren ausgearbeitete und vorgelegte – bereits auf Sparflamme laufende – Nutzungskonzept niedergebügelt. Begründung: zu teuer. Wobei es richtigerweise heißen müsste: Zu teuer für nichtkommerzielle Nutzung. Kunst und Kultur scheinen in Heidelberg nur als solche anerkannt zu werden, wenn sie einen unmittelbaren pekuniären Gegenwert haben.

So offenbart sich gleich im ersten Satz des bestens für Bullshit-Bingo geeigneten Entwicklungskonzepts für den Standort Alte Feuerwache, für was die Verantwortlichen dieses Unterfangen in erster Linie halten: einen „ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor“ [3].

Quellen:
[1] www.kreativwirtschaft-hd.de…
[2] ww1.heidelberg.de…
[3] www.kreativwirtschaft-hd.de…

Dieser Beitrag hat 7 Kommentare
  1. Kurz gefasst meine Reaktion auf den Artikel:

    Kritische Beiträge zum Nutzungskonzept schaden dem Projekt nicht per se, sondern können ja im Austausch zu einer Verbesserung des Gesamtplans führen…

    Aber, Herr Tobias Betzin, waren Sie überhaupt schon vor Ort? Haben Sie schon mit den derzeitigen MieterInnnen gesprochen, kennen Sie die Projekte? Was bringt Sie zu Ihren Pauschalurteilen? Wissen Sie mehr als wir?

    Man sollte sich schon sehr genau anschauen, was in der Feuerwache wirklich passiert, bevor man einen ausführlichen (Meinungs-)Artikel schreibt.

    Dennoch: Sollte die Dauernutzung Wirklichkeit werden, wird es natürlich für die Lebendigkeit des Zentrums sehr wichtig, nicht nur auf den Umsatz der beteiligten Projekte zu schauen! Das Spannende läge ja gerade daran, möglichst auch einigen Projekten, die noch nicht allzu etabliert sind, einen Raum zu geben.

  2. Sie können davon ausgehen, dass die Besonderheiten der Textsorte „Kommentar“ nicht nur Ihnen bekannt sind. Die Meinungsfreiheit und Ihre durchaus nachvollziehbare Position zum Verhältnis von Kultur und Wirtschaft will Ihnen auch niemand wegnehmen. Das ist aber kein Freifahrtsschein. Es ist sicher für jeden verständlich, dass Sich die „Akteure“ gegen pauschalisierende Darstellungen wehren.
    Ihre Überlegungen (oder: die Anwendung ihrer Überlegungen auf den Gegenstand der Diskussion) beruhen auf falschen Informationen über die Art der Nutzung, die Arbeitsbedingungen der Kreativen und die Vergabe der Räume. Entweder Sie haben es nicht besser gewusst (dann haben Sie schlecht recherchiert) oder Sie haben versucht, die Leserschaft in die Irre zu führen. Als dritte Möglichkeit bleibt nur noch, dass Sie provozieren wollten. Das ist grundsätzlich legitim und oft notwendig, aber dann müssen Sie sich aber auch nicht wundern, dass sich die Leute aufregen.

  3. Da sich die Vorwürfe handwerklicher Fehler häufen, sehe ich mich gezwungen, zu einigen Dingen Stellung zu beziehen:

    @Subjektivität/Recherche: Ja, der Beitrag ist subjektiv und Partei ergreifend. Das soll er auch sein. Denn nicht umsonst wurde dieser Beitrag als Kommentar unter der Rubrik Stadtmeinung (sic!) veröffentlicht. Er hat daher nicht den Anspruch objektiv-informativ zu sein. Er beschreibt eine mögliche Perspektive auf den beschriebenen Gegenstand, nicht DIE einzig mögliche.
    Den Vorwurf mangelnder Recherche weise ich zurück. Da ich hier einen Kommentar abgegeben habe, in dem ich (meine) Meinung illustriere, ist es lediglich notwendig darzulegen, welche Überlegungen mich zu besagter Meinung gebracht haben. Diese kann man nun teilen oder auch nicht. Aber die durchaus boshafte Unterstellung „gezielter Irreführung der Öffentlichkeit“ möchte ich mir nicht gefallen lassen.

    @“Privilegiert“: Dieses Wörtchen bedeutet mehr, als nur „mehr Geld als andere haben“. Grundlegend beschreibt es, dass etwas oder jemand – gemessen an anderen – in einem gewissen Kontext über eine zusätzliche Ausstattung verfügt. Diese kann materieller (z.B. monetärer) oder immaterieller (z.B. Rechte) Natur sein. In diesem Fall sehe ich die Verwendung des Begriffs in seiner immateriellen Auslegung als durchaus gerechtfertigt. Denn in dem unter [3] verlinkten Dokument heißt es: „Kriterien zur Vergabe der Räume: Relevant für die Berechtigung zur Anmietung von Räumen ist entweder die Zugehörigkeit zu einem der elf Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft oder die Erbringung von Dienstleistungen, die für Kreative besonders nützlich sind, wie z.B. spezialisierte Unternehmens- und Steuerberatungen. […]“

    @“Rachegelüste“: Ich habe nicht das Bedürfnis, mich an irgendjemandem oder -etwas zu rächen. Ich halte nichts vom Konzept der „Rache“.

    @Amortisation: Ja, ich weiß, was das heißt.

    Um abschließend Klarheit über meine Motivation zu schaffen:

    Ich (nicht das Universum, nicht „die Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“, nicht die Öffentlichkeit der Stadt Heidelberg, noch nicht einmal die Stadtredaktion, sondern ich ganz allein) möchte mit diesem Artikel zum Ausdruck bringen, dass ich es für bedenklich halte, wenn man als Stadt nur den kommerziellen Zweig von Kultur fördert, wie es meines Erachtens derzeit der Fall ist. Ich habe kein Problem mit der Kreativwirtschaft, ich habe kein Problem mit dem Konzept, das in der alten Feuerwache umgesetzt werden soll. Aber ich habe ein Problem mit deren „Alternativlosigkeit“.

    In der Hoffnung mit diesen Klarstellungen einige Gemüter zur Abkühlung zu bringen, werde ich es auch dabei mit den Erläuterungen belassen. Denn für Diskussionen ist die Kommentarfunktion dann doch denkbar ungeeignet (Medienbrüche).

    Mit den besten Grüßen,
    tb

  4. Ich steuere mal eine Liste mit sachlichen Fehlern bei:
    1. „Das Gelände der alten Feuerwache in der Emil-Maier-Straße soll, jetzt, nach Überflüssigwerdung des Opernzeltes, zunächst für fünf Jahre das zu Hause der Kunst- und Kulturschaffenden Heidelbergs werden, kurzum: aller Kreativer.“
    -> Wo steht etwas von Kunst und Kultur? Das Projekt heißt doch klar und deutlich ‚Kreativwirtschaftszentrum Ehemalige Feuerwache Heidelberg‘.
    2. „Nein, eine kleine Gruppe privilegierter, weil zahlkräftiger, hauptberuflich künstlerisch Tätiger mit besten Aussichten auf Gewinnerzielungsmöglichkeiten hört nicht auf, das Konzept zu dominieren.“
    -> Ich kenne keinen, der allein von seiner Arbeit in der Ehemaligen Feuerwache leben kann. Außerdem kosten die Räume alle das gleiche, nämlich sehr wenig, und viele Räume stehen leer. Wo ist da bitte die Dominanz des Kapitals?
    3. Gefördert werden diejenigen, die das größte Potential zur kurzfristigen Amortisation des Projektes mit sich bringen.“
    -> Erstens findet jetzt in der Pilotphase eine gegenseitige Förderung statt: Günstige Mieten gegen Belebung des Gebäudes ohne sichere Zukunft. Zweitens: Welche Unternehmen im Projekt versprechen denn eine „kurzfristige Amortisation“? Ich wäre für einen Hinweis dankbar, denn wenn eines der Unternehmen einen nennenswerten Beitrag zur Amortisation (Wissen Sie eigentlich, was das heißt?) dieses Gebäude leistet, steige ich mit meinen gesamten Ersparnissen und Omas Häuschen bei diesem Unternehmen ein.
    4. „Besonders der Nachwuchs bleibt vom Nutzen des Projekts ausgeschlossen. Sicher, es bieten sich die Möglichkeiten, auch Personen und Institutionen unterzubringen, die mit der künstlerischen Ausbildung des Nachwuchses betraut sind.“
    Erneut der Hinweis: Das Projekt heißt ‚Kreativwirtschaftszentrum Ehemalige Feuerwache Heidelberg‘. Wer hat wann wo versprochen, dass in dem Gebäude ein selbstverwaltetes Jugendzentrum eingerichtet werden soll?
    Fazit: Die in diesem Artikel zum Ausdruck gebrachte Enttäuschung ist entweder das Ergebnis mangelhafter Recherche und falscher Erwartungen an das Projekt oder einfach nur Stimmungsmache mithilfe von gezielter Irreführung der Öffentlichkeit.

  5. Ich bin seit 1.1.2013 Mieterin und freue mich riesig über den Bericht von Tobias Betzin, denn er hebt mich in ungeahnte Höhen. Mir war bis heute nicht bewusst dass ich zu einer Gruppe privilegierter, weil zahlkräftiger, hauptberuflich künstlerisch Tätiger mit besten Aussichten auf Gewinnerzielungsmöglichkeiten gehöre. Dass es sich bei meiner Selbstständigkeit als Fotograf um ein regionales Wirtschaftsunternehmen handelt kann ich nicht so recht glauben. Und meinen Kollegen in der Ehemaligen Feuerwache geht es da mit Sicherheit ähnlich wie mir. Was haben wir für ein Glück …. privilegierter Unternehmer über Nacht! ist man im einem anständigen Journalismus nicht frei von persönlichen Rachegelüsten ist und lernt man nicht so etwas wie gründliche und sachliche Recherche? Dieser Bericht ist populistisch und mehr als schlecht recherchiert. Eher Stammtisch um die Ecke. Aber sehr kreativ und fantasiereich…. vielleicht ja doch mal beim nächsten Kreativ-Treffen mit dabei sein, lieber Tobias? Netter Gruss Sabine Arndt

  6. „… eine kleine Gruppe privilegierter, weil zahlkräftiger, hauptberuflich künstlerisch Tätiger mit besten Aussichten auf Gewinnerzielungsmöglichkeiten …“

    „Folglich wurde auch hier die Chance vertan, die Grundlagen dafür zu schaffen, dass eine organische, lokal agierende Kulturlandschaft wachsen und gedeihen kann.“

    „Besonders der Nachwuchs bleibt vom Nutzen des Projekts ausgeschlossen. “

    „Dies offenbart einen konzeptimmanenten Drall zur Reproduktion.“

    Hallo Tobias,
    ich schreib nur ungern Leserbriefe, aber diesen Artikel kann ich nicht unkommentiert stehen lassen. Mehrere Vor-Ort-Besuche, sowie zahlreiche Gespräche mit Mietern, Verantwortlichen & Sympathisanten des Kreativwirtschaftszentrums in spe ergeben in meinen Augen ein ganz anderes Bild.

    So halte ich die Polarisierung Kreative vs. Kreativwirtschaftler weder für trennscharf, noch hilfreich. Und für Räume kann sich (wenn der Gemeinderat das Projekt freigibt) erstmal jeder bewerben. Ausserdem – was die von Dir beschriebenen „Gewinnerzielungsmöglichkeiten“ angeht: Jeder Handwerker verdient statistisch weit mehr als die von Dir als „privilegiert“ beschriebenen Kreativen.

    Unterm Strich finde ich Deinen Kommentar unter der Gürtellinie. Und für meinen Geschmack eindeutig zu parteiisch („… Tobias Betzin, der sich bei den PIRATEN mit dem Thema befasst“).

    Es gibt prickelnderen Journalismus.

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