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Eindringliches Doppel-Requiem zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 75 Jahren

– von Joseph Weisbrod –

Anne-KathrinHerzog2013KettnerAuch in Reihe 21 der voll besetzten Jesuitenkirche in Heidelberg waren die Texte deutlich zu verstehen. Sie gingen ins Mark: Erschütternde lyrische Vermächtnisse von jungen Menschen im Angesicht des Todes. So klar, so rein, so eindringlich, so traumwandlerisch sicher gesungen und artikuliert von der begnadeten Sopranistin Anne-Kathrin Herzog. So zart, verletzlich und doch fest vorgetragen vom 12jährigen Knabensopran Jonatan Schuchardt („Ich möchte leben“). Ohne Zweifel: Dieses Konzert, dieses gleichsam zweigleisige Requiem zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 75 Jahren, hat sich eingegraben in die Seele der zutiefst ergriffenen Zuhörerschaft.

Im kühnen, ja konträren Wechselspiel zwischen W. A.  Mozarts berühmtem Requiem in d-Moll und dem „Requiem für einen polnischen Jungen“ des Heidelberger Komponisten Dietrich Lohff trugen die studierte Konzertsängerin Anne-Kathrin Herzog und Nachwuchstalent Jonatan Schuchardt Lieder bzw. Gedichte vor, deren Titel und Verfasser für sich sprechen: „Schlaflied für Daniel“ (von Siegfried Einstein), „Sonett von der endgültigen Frage“ (von Jesse Thoor), „Ich möchte leben“ (von Selma Meerbaum-Eisinger, mit 18 Jahren im Arbeitslager Micvhailowa ermordet), das geradezu visionäre „Euch fehlt die Phantasie“ (Martin Gumpert), die „Elegie auf einen polnischen Jungen“ (Krystof Kamil Baczinski, im Alter von 23 Jahren in der Warschauer Oper von einem deutschen Soldaten erschossen) und „Heimkehr“ (von Franz Theodor Csokor).

Hier stellvertretend das Gedicht eines unbekannten Verfassers, das dieses vielstimmige Requiem abschließt wie eine Mahnung an uns alle:

Ein Jüdisch‘ Kind

Ich habe keinen Namen

Ich bin ein jüdisch‘ Kind

Weiß nicht woher wir kamen

Und wo wir morgen sind.

Ich spreche viele Sprachen

Verlern‘ sie wiederum

Für das, was wir ertragen

Ist jede Sprache stumm

Am Ende des großartigen Konzerts der Cappella Palatina Heidelberg und des Heidelberger Kantatenorchesters unter der meisterlichen Leitung von Markus Uhl nicht enden wollender Applaus für Chor, Musiker und die Solisten mit der virtuosen Sopranistin Anne-Kathrin Herzog, mit Jonatan Schuchardt (Knabensporan), Regina Grönegreß (Alt), Jürgen Ochs (Tenor) und Markus Lemke (Bass).

RequiemHD1.11.13

Eine besonders bewegende Szene: Der respektvolle Extrabeifall für den anwesenden Komponisten Dietrich Lohff, dessen „Requiem für einen polnischen Jungen“ bereits 1998 in Dresden uraufgeführt wurde. Wie der Heidelberger Künstler das Böse, das Grauen, das Bedrohliche mit dunkel treibenden Bässen und an Rollkommandos erinnernde Rhythmen hör- und fühlbar machte: Das vergisst man so schnell nicht!

Mozart-Liebhaber mögen zu Recht bemängeln, dass dessen letztes Meisterwerk nur fragmentarisch aufgeführt wurde, z. B. ohne das „Agnus Dei“. Doch es war gerade das musikalisch-emotionale Wechselbad zwischen Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem und der eindringlichen Textvertonung von Dietrich Lohff, das dieses Konzerterlebnis zu einem besonderen machte: Hier der zeitlose Trost von Wolfgang Amadeus Mozart, dort das musikalische Mahnmal des Heidelberger Komponisten. Dass W. A. Mozart während der Arbeit an seinem Requiem im Alter von nur 35 Jahren starb, erscheint wie eine treffliche Fußnote zum Todesfugen-Konzert dieses noch lange nachwirkenden Abends.

Der junge Mann nebenan in Reihe 21 war sichtlich erschüttert. Eigentlich sollte das „Requiem für einen polnischen Jugend“ in allen Schulen, Universitäten und Betrieben aufgeführt oder im Fernsehen – zur besten Sendezeit – ausgestrahlt werden. Damit es, wie auch in Heidelberg in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, nie wieder so etwas geben wird wie eine Pogromnacht – in welchem Reich auch immer.

Fotos: jw




Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Ich möchte mich als Mitglied der Cappella Palatina und Mitarbeiterin von Herrn Markus Uhl sehr sehr herzlich bedanken für die großartige Rezension unseres bemerkenwerten Konzertes vom 1.11.2013. Nach der etwas „braven“ Rezension der RNZ-Mitarbeiterin hat uns Ihr Beitrag sehr bewegt, haben Sie doch genau richtig erkannt, um was es uns ging. Sie haben die Intension von Herrn Uhl, die uns alle mitgenommen hatte, genau verstanden. Wir hatten sehr intensive Proben und ein noch mehr motivierendes Chorwochenende, bei dem aber auch alle total gut mitgearbeitet haben. Wir haben uns über Ihren Beitrag so gefreut, dass ich Ihnen am liebsten eine CD von dieser Aufnahme zukommen lassen möchte. Sagen Sie mir bite, wohin ich diese schicken darf?
    Mit den allerbesten Grüßen und noch einmal herzlichen Dank, Ihre A. Rothkopf

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