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Soziale Ungleichheit – Armut – Krankheit – Resignation – Depression – Apathie….. 

/ von Marlene Iro /

Über „Armut macht krank – Krankheit macht arm“ sprach Georg Rammer von ATTAC Karlsruhe am Montag, 12. Oktober um 19.30 Uhr bei Verdi – im Rahmen der Aktionswoche gegen Armut und Ausgrenzung.

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Es ist sehr erfreulich, dass die Aktionswoche gegen Armut und Ausgrenzung dem Referenten von ATTAC ermöglicht hat, über diesen „traurigen“ Zusammenhang (Armut und Krankheit) zu sprechen. Denn die Problematik ist allseits bekannt – in Politik und Medien – und  in zahlreichen wissenschaftlichen Studien bestätigt. Verwunderlich ist nur: Warum wird so wenig dagegen getan? – so wenig grundsätzlich, umfassend und koordiniert dagegen unternommen?

Auch dieser Vortrag hatte eine größere Räumlichkeit, bessere PR und eine größere Zuhörerschaft verdient. Denn Georg Rammer hat es geschafft, einen gut verständlichen Zusammenhang zwischen Statistiken, Daten einerseits und dem wahren Leben andererseits herzustellen. Dabei schlug er einen Bogen von den jeweiligen (prekären) Umständen im Kindesalter hin zum Erwachsenenleben und dessen spezieller Problematik. Der Referent ist tätig bei der ATTAC Karlsruhe in der Arbeitsgemeinschaft „Kinderarmut und Verteilungsgerechtigkeit“ und gilt als wichtiger Experte für „Kinderarmut“.

Ausgehend von der Frage: Haben wir einen sozialen Rechtsstaat, zeigte er auf, dass es zwar gesetzlich verankerte Grundrechte gibt, diese aber in sehr vielen Fällen nicht allen Bürgern gewährt werden.

Eine bereits ältshutterstock_248899603ere Untersuchung des „Zentralinstitut für seelische Gesundheit“ in Mannheim hat bei Kindern von 0 – 4 Jahren nachgewiesen, dass bereits hier viele Faktoren aufgezeigt werden konnten, die – in ihrer „Ungleichheit“ – das ganze späterer Leben deutlich prägen. Besonders wirksam sind dabei die psycho-sozialen Fakten – im Zusammenhang mit Einkommen und Bildung der Eltern. Armut, Arbeitslosigkeit, schlechte Wohnverhältnisse und instabile Beziehungen wirken deutlich prägend schon im frühsten Kindesalter. Und diese Prägung hat in den letzten zehn Jahren sogar noch deutlich zugenommen.

Das Fatale daran ist, dass den Kindeseltern dafür von Gesellschaft und Politik eindeutig die „Schuld“ zugewiesen wird. Dabei wird völlig verkannt, dass  die Lebensumstände der Eltern so belastend und von Stress geprägt sind, dass sie nicht selbst die Kraft haben, diese Situation zu ändern.

shutterstock_168261692 (3)Aus anderen Untersuchungen weiß man, dass Kinder aus „armen“ Familien um ein Vielfaches mehr an bestimmten Störungen leiden als Kinder aus wohlhabenden Familien – Sprachstörungen etwa sind vier Mal und psychische Störungen sogar fünf Mal häufiger. Sich selbst aus diesen Umständen zu befreien, bedeutet ein sehr hohes Maß an Anstrengung und birgt – im Vergleich – sehr viel mehr Risiken.

Auch die Lebenserwartung von Männern aus armen Familien (im Vergleich zu wohlhabenden Familien) ist um 10 Jahre geringer, bei Frauen um acht Jahre. Hartz IV- Empfänger haben (nach einer AOK-Studie) zu 40% mehr psychische Krankheiten als „Beschäftigte“. Wichtig dabei ist, dass diese vor ihrer Arbeitslosigkeit noch nicht erkrankt waren.

Besonders auffällig ist auch die sogenannte „soziale Ungleichheit“, das Auseinanderdriften von Einkommens- und Vermögensverhältnissen. Je größer die sozialen Unterschiede in einer Gesellschaft, desto häufiger treten auch die genannten Störungen und Krankheiten (und auch Süchte) auf – bei den Armen. Da man weiß, das die Schere der Ungleichheit in Deutschland immer weiter auseinander geht und es auch in Zukunft tun wird, wird sich diese Situation noch weiter verschlimmern.

Bei Kindern aus ärmereshutterstock_85877758n Schichten sind deutlich fest zu stellen – geringere Selbstsicherheit, schlechtere Meinung über sich selbst und eine schnellere, häufigere Zuweisung von Schuld an die eigene Person. Armut in der Familie schafft chronischen Stress im Alltag, es kann sogar zu sogenannten „Familien-Depressionen“ kommen.


Mit einem kurzem Video über „
Die Arbeitslosen von Marienthal“ eine soziale Studie aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise (1929 !) – eine immer noch sehr bedeutsame wissenschaftliche Untersuchung – zeigte Georg Rammer die fatalen Auswirkungen einer fast „kollektiven“ Arbeitslosigkeit in einer kleinen Gemeinde auf.

Das gemeinsame Schicksal führt zur allgemeiner Resignation und Apathie der Bewohner. Das vorher sehr aktive Vereinsleben wurde fast völlig aufgegeben. Kein Aufbegehren oder gar revolutionäre Bestrebungen sondern genau das Gegenteil war der Fall. Und eben diese Mechanismen sind auch heute noch wirksam.

Zum Schluss der Ausführungen zog der der Referent Georg Rammer ein treffendes Fazit, unterstrich dabei seine wichtigsten Forderungen und gab einen Ausblick in eine (möglichst) positive Zukunft:shutterstock_263650676

1. Kein gegeneinander Ausspielen von Armen (Hartz VI Empfänger, Kranken) und der neuen Armutsgruppe, Flüchtlinge und Asylanten, sondern echte und gute Solidarität zwischen und mit diesen Gruppen.

2. Die Verbesserung (bzw. Lösung) des Problems Armut/soziale Ungleichheit muss im Kleinen beginnen: In den Kommunen, in regionalen Initiativen usw. Das bedeutet etwa: die energische Förderung und Durchsetzung von Ganztagskitas und -schulen, damit bereits im Kleinkind- und Kindesalter den aufgezeigten negativen Entwicklungen vorgebeugt und entgegengewirkt werden kann. Weitere wirksame Möglichkeiten müssen gesucht werden.

3. Ganz wichtig für Georg Rammer ist, nicht zu sagen – ich kann ja eh nichts ändern – sondern stark und solidarisch zu sein und auf zu begehren. Resignation und Apathie ist genau die falsche Reaktion – wenn sich in Zukunft in unserer Gesellschaft etwas ändern und bewegen soll.

Den klugen und treffenden Ausführungen von Georg Rammer ist wenig hinzuzufügen. Die soziale Gleichheit wird in unserem jetzigen Gesellschaftssystem niemals –  in relevantem Maße – verwirklicht werden können. Aber es ist ungeheuer wichtig, sie immer wieder einzufordern und danach zu streben, und vor allem zu verhindern, dass die Schere zwischen „Arm und Reich“ in Zukunft immer mehr auseinander klafft.

„Armut ist vererbbarshutterstock_90897794 (1)“ – sagt Georg Rammer. Und wir müssen alles dafür tun, dass dieses nicht so bleibt.

 

 

Alle Bilder: shutterstock.com…

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Nachwuch droht Gehalt auf Hartz-4-Niveau

    Ende der Wohlstands-Ära: Die Jungen werden ärmer als ihre Eltern

    http://www.stern.de/wirtschaft/geld/mckinsey-studie–die-jungen-werden-aermer-als-ihre-eltern-6971346.html

    oder auch ganz lecker: Verarmung als Megatrend – siehe auch: https://www.berlinjournal.biz/verarmung-kinder-aermer-als-eltern/

    Laut Politik müsse man sich „integrieren“ (nach Definition der Politik was das denn angeblich sei). Dazu braucht es in der heutigen Zeit üppige Geldmittel, die die meisten Leute, die angeblich „nicht integriert“ sind (auch sehr viele Deutsche), gar nicht aufbringen können.

    Auf einen Zusammenhang stieß die britische Soziologin Marii Peskow in der European Social Survey (ESS): Demnach sei die Bereitschaft zur Wohltätigkeit in egalitären Gesellschaften deutlich schwächer ausgeprägt, als in solchen mit großen Einkommensunterschieden. Die Erklärung dafür liege im sozialen Statusgewinn, den Wohlhabende in ungleichen Gesellschaften erfahren würden, wenn sie Schwächere unterstützten. In egalitären Gesellschaften herrsche hingegen das Bewusstsein vor, dass dank des Sozialstaats für die Schwachen schon gesorgt sei.

    Faulheit gilt in den westlichen Industrienationen als Todsünde. Wer nicht täglich flott und adrett zur Arbeit fährt, wer unbezahlte Überstunden verweigert, lieber nachdenkt als malocht oder es gar wagt, mitten in der Woche auch mal bis mittags nichtstuend herumzuliegen, läuft Gefahr, des Schmarotzertums und parasitären Lebens bezichtigt zu werden.

    Nein, stopp: Nur die armen Arbeitslosen fallen in die Schublade »Ballastexistenz«. Millionenerben, Banker- und Industriellenkinder dürfen durchaus lebenslang arbeitslos und faul sein. Sie dürfen andere kommandieren, während sie sich den Bauch auf ihrer Jacht sonnen.

    Früher glaubten viele Menschen an einen Gott. Wie viele heute noch glauben, da oben säße einer, der alles lenke, weiß ich nicht. Das ist auch egal. Gottes ersten Platz hat im modernen Industriezeitalter längst ein anderer eingenommen: Der »heilige Markt«. Der Finanzmarkt. Der Immobilienmarkt. Der Energiemarkt. Der Nahrungsmittelmarkt. Und der Arbeitsmarkt.

    Der Arbeitsmarkt ist, wie der Name schon sagt, zum Vermarkten von Arbeitskraft da. Wer kein Geld und keinen oder nur sehr wenig Besitz hat, verkauft sie. Die Eigentümer der Konzerne konsumieren sie, um daran zu verdienen. Das geht ganz einfach: Sie schöpfen den Mehrwert ab. Sprich: Der Arbeiter bekommt nur einen Teil seiner Arbeit bezahlt. Den Rest verrichtet er für den Gewinn des Unternehmers.

    Arbeit verkaufen, Arbeit konsumieren: So geschieht es seit Beginn der industriellen Revolution. Denn Sklaverei und Leibeigenschaft wurden ja, zumindest auf dem Papier, abgeschafft.

    Solange Furcht vor Strafe, Hoffnung auf Lohn oder der Wunsch dem Über-Ich zu gefallen, menschliches Verhalten bestimmen, ist das wirkliche Gewissen noch gar nicht zur Wort gekommen. (VIKTOR FRANKL)

    Die Todsünde der Intellektuellen ist nicht die Ausarbeitung von Ideen, wie fehlgeleitet sie auch sein mögen, sondern das Verlangen, diese Ideen anderen aufzuzwingen (Paul Johnson)

    Der Teufel hat Gewalt, sich zu verkleiden, in lockende Gestalt… (Shakespeare)

    Das Heimweh nach der Barbarei ist das letzte Wort einer jeden Zivilisation (Cioran)

    Alle Menschen sind klug – die einen vorher, die anderen nachher (Voltaire)

    Die Gefahr ist, dass die Demokratie zur Sicherung der Gerechtigkeit für diese selbst gehalten wird (Frankl)

    Absolute Macht vergiftet Despoten, Monarchen und Demokraten gleichermaßen (John Adams)

    Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer (Schopenhauer)

    Unser Entscheiden reicht weiter als unser Erkennen (Kant)

    Denn mancher hat, aus Furcht zu irren, sich verirrt (Lessing)

    Die Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus… (Goethe)

    Immer noch haben die die Welt zur Hölle gemacht, die vorgeben, sie zum Paradies zu machen (Hölderlin)

    So viele Gefühle für die Menschheit, dass keines mehr bleibt für den Menschen (H. Kasper)

    „Die Dummheit von Regierungen sollte niemals unterschätzt werden“ (Helmut Schmidt)

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