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Wer ist eigentlich der Peter Pausch, der die m.W. einzigartige Zitatensammlung „Peter Pauschs Tierkalender“ zusammengestellt hat? Kannst Du Dich kurz der Leserschaft vorstellen?

Ich bin ein 72 Jahre altes Säugetier, das sprechen kann, also vielen Gefahren ausgesetzt ist. Ist das kurz genug?

Wahrscheinlich nicht. Denn wahrscheinlich denkst du: die Sprache eine Gefahr? Ist sie nicht genau das, was uns Menschen erst zu Menschen gemacht hat: was uns unter den Tieren auszeichnet und die Schaffung von Gebilden ermöglicht, die den Verstand auch nach Jahrhunderten noch mit Wogen der Lust überschütten können? Ich stimme zu, aber die Sprache richtet auch Schäden in einem Ausmaß an, daß sich die genießbaren Gebilde wie Wassertropfen in einer Wüste ausnehmen.

Die universale Form des Fetischs ist nicht die Maske, der Knochen oder das Gnadenbild, sondern das Wort, das sich mit seinesgleichen so zusammenstellen läßt, daß selbst unsinnige Verbindungen für verehrenswürdige Mysterien durchgehen. Was einmal ein konventionelles Mittel war, um als Ausdruck zu dienen oder bei der Arbeit zu helfen, hat sich verselbständigt und diejenigen, die es erfanden und benutzten, zu Untertanen gemacht.

Was ist eine Religion? Ein versteintes Wortgewebe, in dem Phantasien sich vergegenständlicht haben und Wörter zu Substanzen wurden: Seele, Gott, Hölle, Paradies usw. Theologie und Philosophie – jene ganz, diese zu einem großen Teil –  bestehen aus roh oder kunstvoll gefertigten Schnullern, die den Lutscher glauben machen, es gebe das, was es nicht gibt.

Wie vernünftig dagegen die vernunftlosen Tiere! Mangels Sprache kann keines, das in Not gerät, sich ein Wesen ausdenken, das so aussieht wie es selbst und das ihm unter der Voraussetzung hilft, daß es sich vor ihm zu Boden wirft oder mit seinen Flügeln oder Flossen flattert. Auch kommt kein Tier auf den Gedanken, daß ein allerhöchstes Wortgespenst von ihm die Unterwerfung oder Ausrottung aller seiner Artgenossen verlangt, die es, das Gespenst, nicht anerkennen oder auf eine andere Weise verehren wollen. Nein, es gibt unter den Tieren mangels Sprache nicht einen einzigen Gott und einen einzigen Fanatiker.

Doch ich merke, daß sich in meinem Kopf eine Schallplatte zu drehen beginnt, die mich an Swift erinnert, der alle Alten mahnt, „not to tell the same story over and over to the same people“, und meine Abneigung gegen Menschen, die sich von ihren Göttern nicht nur erlauben, sondern sogar befehlen lassen, an bestimmten Tagen eine Million und mehr Tiere zu schächten, kennst du ja.

Nach 365 Kalenderblättern ist „Peter Pauschs Tierkalender“ am 28. Februar zu Ende gegangen. Was hat Dich zu diesem Projekt bewogen?

Die Vorstellung eines „ewigen Kalenders“, der sich wieder und wieder lesen läßt, also an irgendeinem Tag beginnt und an keinem endet.

Hunderte von Texten warten auf Zutritt in solch einen Kalender; denn Hunderte warten auf ihre Erfüllung. Sie ragen aus dem Gekläff partikularer Interessen heraus, insofern sie eine Welt skizzieren oder auch nur beim Namen nennen, in der Menschen sich allenfalls einmal in ihrer Vorstellung – ein Ausrutscher – , nicht aber in irgendeinem Text über andere Tiere stellen.

Vor allem diejenigen Menschen, die sich als sprechende Tiere verstehen, bleiben sich der Gefahr der Sprache bewußt und halten deshalb verläßlicher als andere an der Gleichrangigkeit von Menschen und Tieren fest. Sie verwenden keine Wörter, um sich über existentielle Gleichheiten hinwegzureden. Tiere sind für sie von gleicher Art, weil sie wie die Menschen weder mit ihrem noch gegen ihren, sondern ohne einen eigenen Willen, ohne irgendein Zeichen der Zustimmung, in die Welt gesetzt werden; sie sind von gleicher Art, weil sie wie die Menschen in das Nichts, aus dem man sie hervorgeholt hat, wieder zurückkehren müssen; sie sind von gleicher Art, weil sie wie die Menschen zwischen ihrem ungewollten Kommen und unvermeidlichen Gehen bedürftige Wesen bleiben.

Die Bedürftigkeit erkennen die begreifenden Tiere aneinander und an den begriffslosen Tieren, indem sie die Wirkung eines nicht befriedigten Bedürfnisses erkennen. Ob es eine offene Wunde oder ein leerer Magen ist, die Wirkung ist die gleiche: Schmerz. Eben diesen hat als entscheidendes Merkmal der Gleichheit der unvergleichliche Jeremy Bentham hervorgehoben, der seine Bibliothek dem University College in London unter der Bedingung vermachte, daß es eine mit Hilfe seines Leichnams erzeugte Auto-Ikone ausstellen würde – was es tat. Um Tiere und Menschen als Wesen gleicher Art zu charakterisieren, stellt er fest: „Die Frage ist nicht: können sie verständig denken? oder: können sie sprechen? sondern: können sie leiden?“  (The Principles of Morals and Legislation, 1789)

Aber in den Kalender drängen auch darstellende Texte, die die Aufzucht von Tieren, um sie zu fressen, die Aufzucht von Tieren, um sie zu foltern, die Aufzucht von Tieren, um sie zu erschießen, mit Worten so treffen, daß es in mehr als einem menschlichem Gehirn zu den Gefühlen des Abscheus, der Ohnmacht und eines dauerhaften Widerwillens kommen könnte; es sind Texte, die die ekelerregenden Eßsitten und die für Tier und Mensch tödlichen Versuchsreihen und das orgiastische, mit Ejakulationen verbundene Jagen nicht als vertraute Gewohnheiten, sondern Zeichen einer tiefsitzenden Amoralität behandeln.

Solche Texte rufen, wie man in der Frankfurter Schule sagt, die Institutionen beim Namen. Ein Beispiel: Das Christentum versteht sich als Religion der Liebe, aber warum zeigt es seit dem 4. Jahrhundert, als es Staatsreligion wurde, ein Gesicht der Erbarmungslosigkeit, des Hasses und der Verfolgung? Warum können seitdem Mörder und Soldaten Christen sein, nicht aber auch Tiere von ihrem Gott geachtet werden?

Das Dilemma der Geschichte. Es wird noch größer, wenn man seine Betrachtungern von einer weiteren Perspektive nicht zurückhalten kann: wenn die Religion der Demut und des Hinhaltens der linken Wange, nachdem die rechte genügend geschlagen worden ist, wenn das Christentum unbezweifelbar mit seinen Religionskämpfen, Kaiser- und Papstkriegen, Dreißigjährigem Krieg, Inquisitionen, Hexenprozessen, Edikten, Hussiten, Calvin weit mehr Menschen als Opfer forderte als die beiden letzten Weltkriege zusammen – was dann?” Benn. Doppelleben (1949) GW, Bd.8, S.1949

Warum entschied sich die Kirche, bevor sie dazu überging, konkurrierende Christentümer auszurotten, gegen Vater Hieronymus, der mit Jesus das Weltalter der Liebe für gekommen hielt und damit das Ende der jüdischen Fleischfresserei? Warum entschied sie sich gegen Franziskus, der das Abstechen und Auffressen für sich und die Seinen immerhin einschränkte und „Wehe!“ schrieb: „Wehe dem Menschen, wenn auch nur ein einziges Tier im Strafgericht Gottes sitzen wird.“ Warum entschied sie sich ausgerechnet für die Lehre des wahrscheinlich dicksten Philosophen, der je philosophiert hat? Er war so fett, daß er nicht in den Lehrstuhl paßte, und er war so gelehrt, daß er einundzwanzig  Vogelarten – unter ihnen Greif und Fledermaus – als Sinnbilder diverser Sünden zu deuten verstand. Aber auf den Gedanken, sich selbst als Sinnbild des Fressens zu wählen, kam  Thomas von Aquin nicht.

Man mag ihm nachsehen, daß er die „Seele“ nicht als ein leeres Wort oder „eine unerwiesene und unberechtigte Hypostase“ erkannte, aber daß seine Gier nach Fleisch, gula, gula, und seine Furcht vor einer jüngstrichterlichen Verurteilung ihn lehren ließ, daß Tiere nur eine sterbliche Seele hätten (also vor dem Jüngsten Gericht als Kläger nicht würden erscheinen können), demoliert seine Eignung als moralische Instanz vollständig und erinnert an ein anderes vernichtendes Urteil: „Auf Untersuchungen, deren Ergebnisse im voraus unmöglich bekannt sein können, läßt er sich nicht ein. Bevor er zu philosophieren beginnt, kennt er bereits die Wahrheit“ (Bertrand Russell)

Doch  da sehe ich schon wieder die sich drehende Schallplatte, weshalb ich nicht auch noch erwähne, daß im 4. Jahrhundert ein Streit unter christlichen Theologen erstmals durch Hinrichtungen beendet wurde. Die einen fraßen Fleisch, die anderen aßen Pflanzen; wer wohl waren die Hinrichtenden und wer die Hingerichteten?

Wie muss man sich das vorstellen: wie kommt eine solche Sammlung von sicherlich 1000 Zitaten zusammen? Durch eine jahrzehntelange Lektüre? Oder ist sie der cleveren Nutzung der Suchmaschine Google zu verdanken?

Die längste Zeit meines Lebens war ich ein in mich gekehrter, rückwärts gewandter Mensch: Wie war es dazu gekommen, daß ich an mir selbst litt, daß es jeden Tag weh tat, der zu sein, der ich war?

Ich suchte in meiner Erinnerung nach Fesseln, Mauern, Schlägen, Erniedrigungen, notierte, grübelte und spekulierte, bis ich erkannte, daß ich auf der Suche nach einem durchsichtigen Selbst war, das sich in allen Richtungen willig zu erkennen geben würde. Nicht nur würde ich irgendwann die ins Unbewußte abgerutschten Teile meiner selbst, also auch andere Lebensläufe zu sehen bekommen, ich würde endlich auch Antwort auf existentielle Fragen erhalten: Warum wurde ich geboren? Warum in dieser Welt und nicht in einer anderen? Warum als Mensch und nicht als Schwein? Wäre das Opfer, das grandiose des christlichen Gottes – den ich einmal um Verzeihung dafür gebeten habe, daß es ein so mißratenes Geschöpf wie mich gab –  nicht ein größeres gewesen, wenn er es als ein schmutziges, verachtetes Tier gebracht hätte, so daß es heute nicht „Ecce homo“, sondern „Siehe die Sau!“ hieße? Nächste Woche werde ich im Louvre wieder vor Rembrandts Rind stehen, einem ausgehöhlten, kopf- und fußlosen, und es wird mir wohl wieder so vorkommen, als ob er sich eine ähnliche Frage gestellt hätte. Einer meiner Freunde erkennt in Rembrandts Gemälde sogar die Summe aller je gemalten und gemeißelten Kreuzigungen.

Wie Anton Reiser vor mehr als 200 Jahren begann auch ich mich zu fragen: Was unterscheidet dich von dieser Kuh? Daß es vor allem der Schmerz war, der uns NICHT unterschied, das rückte Homer in ein unvergeßliches Bild:  Als die Gefährten des Odysseus, „von nagendem Hunger gefoltert“, in seiner Abwesenheit die Rinder des Sonnengotts schlachten, häuten und zubereiten – was geschieht da? „Ringsum krochen die Häute, es brüllte das Fleisch an den Spießen, / Rohes zugleich und gebratnes, und laut wie Rindergebrüll scholls.“ (Od. XII, 395f). Seltsamerweise blieben die mythischen Männer – wie wohl auch die meisten der heutigen Fleischfresser – unbeeindruckt: „Und sechs Tage schwelgten die unglückseligen Freunde / Von den besten Rindern des hohen Sonnenbeherrschers.“ (v. 397f)  Allerdings waltete zu Homers Zeit, dh bevor einige Vorsokratiker den Göttern dieser Welt auf die Schliche kamen und ihnen den Garaus machten, noch ein glaubbarer Gott, der die Übertretung von Geboten nicht tatenlos hinnahm: Zeus zerschmetterte das Schiff der Frevler, so daß allein Odysseus die Heimat wiedersah.

Gerade weil es, alle Monadologen und Solipsisten zusammengefaßt, unmöglich ist, durch die Augen eines anderen Wesens zu sehen, durch seine Ohren zu hören und mit seiner Haut zu fühlen, kurz: sich je in seinem Innern aufzuhalten und irgendeinen seiner Gedanken oder irgendeines seiner Gefühle im Original kennenzulernen; gerade deswegen sollten die empfindungsfähigen Wesen nicht vermittels eines oder vieler phantasierter Wortwesen, sondern durch ein glaubhaft gegebenes Band verbunden bleiben: das des Schmerzes. Über eben diesen, die Schwierigkeiten der Verifizierung (Fische? Insekten?) und die Verschiedenartigkeit des Erlebens (Algolagnie!) wollte ich 2005 einen Vortrag halten; er mißlang.

Ich kompensierte die Schlappe dadurch, daß ich mich bereicherte: alles abzutippen begann, was mir zum Thema “Über den Umgang mit Tieren” wissenswert schien; ab 2008 habe ich auch das Internet benutzt; 2013 war ein erster Kalender fertig, eine Komposition, in der bestimmte Themen, wie zB der Schmerz, bestimmte Tage besetzten. Durch die Natur des Menschen bedingt – er tötet, frißt und mißbraucht jedes Jahr 53 Milliarden Tiere, “not including fish and other sea animals” –  bestand der Kalender aus 12 Gruselmonaten. Später habe ich die thematische Komposition, die, wenn möglich, gegensätzliche Meinungen aufeinanderstoßen ließ, dadurch geschwächt, daß ich nach dem Grundsatz handelte: “Bessere Zitate (egal zu welchem Thema) ersetzen gute“.

Unter den ungefähr 40 einander überschneidenden Themen, die sich die 30 Tage eines Monats nach einem Schema teilen mußten, befanden sich: Tierschutz und Tierrechte, Gleichheit und Ungleichheit von Tier und Mensch, Schächten und Schlachten, Achtung und Mißachtung der Tiere in Religion, Philosophie, Rechtswesen, Medizin, Politik usw. Auch Erkenntnisse aus anderen Wissensbereichen wie Ökologie, Psychologie, Linguistik fanden Eingang. Am 2. eines jeden Monats stand immer ein Text, der an die  Begrenztheit menschlicher Erkenntnis erinnerte, gerade auch der transzendentalen: ein Fragezeichen nicht hinter, sondern vor allen Texten, die an 28 oder 29 weiteren Tagen folgten.

Ich selbst hielt mich zurück, zitierte mich nur ein einziges Mal. Ein unbekannter Chinese riet mir dazu: Dschuang Dsi hatte ein Buch mit 100.000 Wörtern verfaßt, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand und daher kein hohes Ansehen genoß. Ein Kritiker der mangelnden Wertschätzung bemerkte dazu: Jetzt sei man zu dumm zu einem solchen Buch, man habe nur noch eigene Gedanken.

Besser, lebendiger und emblematisch wurde der Kalender durch dich; denn du hast mich 2016 darauf gebracht und dann auch darauf bestanden, daß jedes Kalenderblatt ein Ort sein müsse, an dem Titel, Text und Bild sich vertragen oder stören.

Als Teilzeitvegetarier und als Deine Kontaktperson seitens der STADTREDAKTION habe ich fast alle Kalenderblätter mit Interesse gelesen, vieles dabei gelernt, bin aber immer noch Teilzeitvegetarier. Bin ich nun ein besonders hartnäckiger Fall, der unbelehrbar ist? Lohnte sich der Aufwand des Tierkalenders?

Wer wird wann was wodurch? Alles hängt endlos und nicht befriedigend durchschaubar mit anderem zusammen.

Wodurch ich ein Vegetarier wurde, weiß ich nicht, erkläre es mir aber so: In meiner Kindheit wurden Tiere vor meinen Augen geköpft, erdrosselt, geschlitzt, ersäuft, mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, gerupft, zerrissen und ausgenommen, so daß ich ein Mitgefühl zunächst nicht mit ihnen, sondern mit Pflanzen hatte. Eine gelbe Butterblume pflücken – unmöglich! Wohl aber möglich und sogar erwünscht war es, mit einem Stock gegen den Staudenknöterich vorzugehen. Doch irgendwann bewirkte der spritzende Saft, wohl weil er mir wie Blut vorkam, einen romantischen Gedanken: „Die Pflanzen fühlen wie wir!“ Erlebnisse, in denen man mich als Pan-Animisten erkannt hätte, folgten in Fülle. Ich warf z.B. kein Bonbonpapier weg, weil es ohne mich allein gewesen wäre.

Aber der Entschluß, Tiere nicht als Dinge zu mißbrauchen, sondern als Zwecke an sich selbst zu behandeln, konnte erst  – man hört es schon an der kantischen Formulierung – Jahrzehnte später gefaßt werden: erst nachdem sich genügend Wissen gegen den Genuß einer Rindsroulade in mir zusammengeballt hatte.Was ist verlogener als ein Schlachthaus, in dem Tiere ohne Angst, ohne Schmerz, alle prima betäubt, getötet werden? Selbst wenn es so wäre – hat irgendein Tier seinen Tod bejaht?  Abgesehen von Büchern wie Pilgrims „Zehn Gründe, kein Fleisch zu essen“, hatte die stärkste Wirkung auf mich ein Underground-Film, der nur aus 3 Szenen in unregelmäßiger Folge bestand. Szene 1: Kopf und Kehle einer Sopranistin, deren Töne noch heute die höchsten und schrillsten sind, die ich je gehört habe; Szene 2: ein Schwein, das mit Tritten und Schlägen in den Schlachtraum getrieben wird; Szene 3: eine Graphik, die die inneren Organe des Schweins und ein Messer zeigt, das sich auf die Hauptschlagader zubewegt, ihr immer näher kommt. Selbstverständlich habe ich beim Zusammenstellen der Zitate hin und wieder gehofft, sie könnten eine hemmende Wirkung haben wie der Underground-Film, aber auch der bewirkte in mir nicht einen sofortigen Verzicht, sondern trug nur zu einem späteren bei.

Also: Frage dich, ob du ein Vegetarier überhaupt  werden willst; falls ja, vertraue auf eine zunehmende Diskrepanz: Auf der einen Seite der Dreck der Lügen, der zu jeder Wurst und jedem Braten als Beilage serviert wird; der Dreck der Tiere, der Landschaften in stinkende Einöden verwandelt, und das Tag und Nacht fließende Blut, mit dem man, in Staubecken geleitet, überall auf der Welt Strom erzeugen könnte; auf der anderen Seite dein auch stoisch geformter Charakter, der eine Übereinstimmung von Wort und Tat, von Urteil und Handlung will, also bald, demnächst, irgendwann oder – wenn er Widersprüche gut verträgt – es nie zu einer Harmonie wird kommen lassen.

Übrigens wurde deine Frage auch Antisthenes, einem frühen, mir sehr sympathischen Nominalisten gestellt: Was ihm die Philosophie denn eingebracht habe. Falls seine ich-bezogene Antwort: „Die Fähigkeit mit mir selbst zu verkehren“ einmal nicht anwendbar ist, habe ich eine zweite parat, die man sich überall, auch an einem besonders sauberen Ort aufhängen kann: „Nous laisserons ce monde-ci aussi sot et aussi méchant que nous l’avons trouvé en y arrivant. – Wir werden diese Welt genauso dumm und genauso bösartig verlassen, wie wir sie vorfanden, als wir hier ankamen.

Hin und wieder schreibst Du ja recht bissige, zornige und zugespitzte Kommentare zur Lokalpolitik, bei denen selbst ich manchmal schlucke und mich frage, ob Du wirklich so zulangen solltest. Wäre eine kritische, moderate Kommentierung manchmal nicht wirkungsvoller?

Ich treffe eine Unterscheidung, die einer kantischen nachgebildet ist. „Was ist Aufklärung?“ Damit sie sich entwickeln kann, unterscheidet Kant einen öffentlichen, uneingeschränkten und einen privaten, eingeschränkten Gebrauch der Vernunft; öffentlich und frei sei er oder solle er sein, wenn, um auf Mißstände hinzuweisen, in Zeitungen geschrieben wird; privat und unfrei sei er in allen Verhältnissen, in denen gehorcht werden muß: Militär, Kirche, Finanzwesen.

Meine Unterscheidung ist diese: Ich bin unfrei, wenn ich rede, und versuche frei zu ein, wenn ich schreibe. Ich rede, sagt man mir seit Jahrzehnten, immer zuviel, weshalb dies ja auch kein gesprochenes Interview ist, bei dem ich viele Sätze auf der Suche nach dem richtigen Wort bilden würde, sondern ein geschriebenes, bei dem die Zeit des Lesers geschont wird. Aber egal wieviel ich rede, ich werde – auch das sagt man mir – nicht ausfällig, nehme vielmehr Rücksicht auf mir bekannte oder nur vermutete wunde Punkte, schon weil ich selbst verwundbar bin.  Aber wenn Worte nicht gesprochen, sondern gedruckt werden: wenn der private Sektor zu einem öffentlichen Zirkel erweitert wird, dann sage ich das Sagbare mit größtmöglicher Schärfe; denn die Chance, ein Bewußtsein für eine Menscherei, einen schäbigen Charakter, eine verlogene Politik, ein obsoletes Gesetz usw zu schaffen, will ich nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Ein Bewußtsein entsteht aber nicht dadurch, daß der Brei noch einmal umgerührt, sondern die Axt in das gefrorene Meer geschlagen wird. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich mit dir rede, würde ich mir das Wort „Fleischfresser“ verbieten; wenn ich aber schreibe, überlasse ich es dir, ob du dich subsumieren möchtest oder nicht. Ein Beispiel auch dafür, daß selbst die Axt sich als ein ungeeignetes Instrument erweisen könnte: In der taz vom 21.2. war auf S. 8 zu lesen, daß Bundesumweltministerin Hendricks angeordnet habe, „bei Veranstaltungen ihres Hauses künftig nur noch vegetarisches Essen anzubieten“.  Anstatt einmal in ihrem Leben innezuhalten und sich zu fragen, wievielen Tieren ihr wahrscheinlich unförmiger Körper schon zur Senkgrube geworden ist, zeigten sich hochrangige Mitglieder einer großen religiösen Partei „empört“. Sie redeten von „Bevormundung“, „Ideologie“ und einem „Verbotsministerium“; einer fand sogar, zum Fleischessen gehöre heutzutage „schon fast Mut“.

Was diese Christen wohl vor mehr als 200 Jahren gesagt hätten, als die Menschenrechte verkündet wurden? Daß die Proklamation „Bevormundung und Ideologie“ sei? daß sie die „ausgewogene Behandlung der Sklaven verhindere“? daß sie Menschen, die gerne Sklaven seien, zu ihrem „Glück“ zwingen wolle? daß zum Auspeitschen von Sklaven „heutzutage schon fast Mut“ gehöre? Durch eine solche Übertragung würde sich die Empörung der Empörten wahrscheinlich verstärken, dh: die Axt hätte versagt, aber gerade weil sie sich bei dem vergeblichen Versuch einige Scharten geholt hätte, würden diejenigen, die sich nach einer apokalyptischen Aufbrechung der Gemüter sehnen, die Schneide liebevoll streicheln, und mit Respekt würden endlich auch diejenigen sie betrachten, die nicht wußten, daß in Deutschland Rindern die Beine auch dann abgesägt werden, wenn sie noch bei Bewußtsein sind, und daß Millionen Schweine bei ihrer Vergasung nicht anders röcheln als Millionen Menschen.

Darf sich die Leserschaft der STADTREDAKTION auf ein neues Pausch-Projekt freuen?

Wer würde sich freuen, wenn das neue „Pausch-Projekt“ darin bestünde, daß P. nicht mehr andere, sondern sich selbst zitierte?  „Alle Verbrechen, die die Menschheit je begangen hat – nach Art und Zahl –  begeht sie an den Tieren – jeden Tag.“

Wer würde sich freuen, wenn P. den Lesern mit einem Satz wie diesem käme: „Wieviele Götter und Gesetze als gebietende und gewährende Instanzen sich der Mensch mit Hilfe seiner Sprache auch erdenkt – solange er Tiere nicht als Lebewesen behandelt, bleibt er ein Tier.“

Wer würde nicht den Kopf schütteln, wenn P. ihm die Frage stellte: „Wieviele Tiere haben Schutz im Körper von Kardinal Marx gesucht?“

Wer würde P. nicht für „vertiert“ halten, wenn er dazu aufriefe, an Schulen nicht mehr zu lehren, daß Tiere aus Wolle, Pappe, Holz oder Plastik bestehen?

Wer würde noch irgend etwas von P. lesen wollen, nachdem er gelesen hätte: „Was tun in dieser blutigen Zeit? Sollten sich alle Menschen aus Scham verschleiern? Sollte schon dem Säugling ein Beißkorb umgehängt werden? Sollten Metzgereien hinter künstlichen Nebelwänden verborgen bleiben? Sollten Supermärkte mit Falltüren in der Fleischabteilung gebaut werden? Sollte jeder, der nach Wurst, Steak oder Schnitzel greift, mit einem Stromschlag an die Herkunft des Fleischs erinnert werden? Sollte jeder, der zubeißt, tot umfallen, da das Fleisch aus Gründen des Tierschutzes vergiftet worden ist? Oder würden schon ein paar Hausschlachtungen in jeder Familie reichen: Vater, Mutter usw.?“

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