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13. November

„Nicht wenige Leute sagen – und das gilt besonders für unsere Sozialpolitiker – ‚die Menschen werden immer älter‘. In welchem Sinn trifft das eigentlich zu? Um dies zu klären, müssen wir zwischen ‚Lebensdauer‘ und ‚Lebensspanne‘ unterscheiden. Im klassischen Griechenland betrug die durchschnittliche Lebensdauer 22 Jahre, aber Sophokles wurde 90 Jahre alt. Seitdem hat sich in der industrialisierten Welt die durchschnittliche Lebensdauer zumindest verdreifacht, aber die biologische Lebensspanne des Menschen hat sich in den vergangenen 100.000 Jahren wahrscheinlich überhaupt nicht verändert. Das Beispiel Sophokles zeigt uns, dass es schon immer einzelnen Menschen möglich war, an die maximal erreichbare natürliche Lebensspanne heranzukommen. Nur ist es heute aufgrund der viel günstigeren Lebensumstände einer weit größeren Zahl von Menschen möglich, ihr Leben bis an die Grenze unserer biologischen Lebensspanne zu führen. Nur in diesem Sinne werden die Menschen immer älter.“

Robert Zwilling. Das Rätsel der Alterung. Viele Theorien, viele offene Fragen. In: Biologie in unserer Zeit 3/2007

14. November

„Ärzte wurden berufen und berieten sich, sprachen viel Französisch, Deutsch und Lateinisch, zankten miteinander und verschrieben die verschiedenartigsten Heilmittel gegen alle ihnen bekannten Krankheiten. Aber keinem kam der ganz einfache Gedanke in den Sinn, daß ihnen die Krankheit, an der Natalie litt, gar nicht bekannt sein könne, weil jeder lebendige Mensch seine Eigenheit hat, eine besondere, neue, komplizierte, der Medizin unbekannte Krankheit, nicht eine Krankheit der Lunge, der Haut, des Herzens, der Nerven und so weiter, wie sie in den medizinischen Büchern beschrieben sind, sondern eine Krankheit, welche aus einer der zahllosen Kombinationen von Leiden dieser Organe besteht. Dieser einfache Gedanke konnte den Ärzten nicht in den Kopf kommen, weil es die Aufgabe ihres Lebens ist, zu kurieren, weil sie dafür Geld erhalten. Aber auch deshalb konnte dieser Gedanke den Ärzten nicht in den Kopf kommen, weil sie sahen, daß sie wirklich unzweifelhaft nützlich waren für alle Familienmitglieder. Sie waren nützlich, weil sie jenes Bedürfnis nach Hoffnung und Mitleid, jenes Verlangen eines leidenden Menschen, daß etwas geschehen solle, befriedigten, sie waren auch dadurch nützlich für Natalie, daß sie ihr Händchen rieben und ihr versicherten, es werde alles wieder gut werden, wenn der Kutscher in die Apotheke fahren und für einen Rubel und siebzig Kopeken Pülverchen und Pillen in einem schönen Schächtelchen abholen werde, und wenn sie diese Pülverchen genau alle zwei Stunden – nicht mehr, nicht weniger – in abgekochtem Wasser einnehmen werde.“

Tolstoi. Krieg und Frieden (1869/1959) Zweiter Teil. Erstes Buch. 16. Kapitel, S.871 (Ü: Werner Bergenruen)

15. November

„Jetzt macht meine täglich wachsende Krankheit mir solche überfeine Speculationen ohnedies unmöglich. […] Ein äußerer Schaden, der vor ungefähr dreyzehn Iahren, sehr unschuldig scheinend, am rechten Nasenflügel, nicht weit vom Augenwinkel entstand, – der eigentlich nicht Krebs nach allen Symptomen, aber darin vollkommen krebsartig ist, daß er sich nicht bloß nach der Oberfläche sondern im kubischen Verhältnisse erweitert, u. eben so tief aushöhlt als weit er sich ausbreitet […] dieser Schaden hat nunmehr das ganze rechte Auge und einen Theil der rechten Wange verzehrt, hat eine ebenso große Höhle in den Kopf gebohrt und Zerstöhrungen einer seltnen Art angerichtet. Es scheint unmöglich, daß ein Mensch dabey leben könne; es scheint noch unmöglicher, daß er dabey denken, und selbst mit einem gewissen Scharfsinn und einer Exaltation des Gemüthes denken könne: und doch ist beydes wahr. Dieser unwahrscheinliche aber glückliche Umstand hat mir, der ich von Schwäche u. Schmerz wechselsweise geplagt u. von der menschlichen Gesellschaft entfernt bin, die vorzüglichste Erleichterung und den Trost meines Lebens verschafft. Nie habe ich die Schönheit eines Verses, die Bündigkeit eines Räsonnements und die Annehmlichkeit einer Erzählung deutlicher wahrgenommen und mit mehr Vergnügen empfunden.“

Christian Garve (1742 – Dez.1798) an Kant, Mitte Sep. 1798 korpora.org…

16. November

“Ich glaube, daß es im Krankenbette oft besser zugeht als am ersten Platz der königlichen Tafel. Ich habe wenigstens in einer kleinen Kammer als Kranker im Bette zuweilen Augenblicke gehabt, die ich den glücklichsten meines übrigen Lebens ohne Scheu gleichsetze.“

Lichtenberg. Sudelbuch B (1768 -71), Nr. 286

„Indem Krankheiten physische Kraft verzehren, setzen sie fast immer geistige frei. Und dem Menschen, der seine Wahrnehmung auf die geistige Sphäre richtet, schmälern sie nicht sein Wohl, sondern vermehren es.“

Tolstoi. Ein Buch für alle Tage. Ein Lebensbuch (2010), S. 215

„Es ist gar nicht selbstverständlich, daß der Kranke gesund werden will. Etwas im Kranken steht im heimlichen Komplott mit seiner Krankheit.“

Wilhelm Stählin (1883–1975) georges-seite.de…

17. November

[Tschechows] „Erzählung eines Unbekannten ist eine sonderbare, fiebrige Geschichte, die sich liest, als wäre sie in einem Zuge geschrieben im Zustand geschärften Bewußtseins, das, wie man gesagt hat, bei Künstlern von der Tuberkulose hervorgerufen wurde.“

Janet Malcolm. Tschechow lesen (2001/2010) S. 186 (Ü: Anna & Henning Ritter)

„Je crois que les maladies sont des clefs qui peuvent nous ouvrir certaines portes. Je crois qu’il est certaines portes que seule la maladie peut ouvrir…“ „Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die nur die Krankheit öffnen kann. Es gibt jedenfalls einen Gesundheitszustand, der es uns nicht erlaubt, alles zu verstehen. Vielleicht verschließt uns die Krankheit einige Wahrheiten, ebenso aber verschließt uns die Gesundheit andere oder führt uns davon weg, so daß wir uns nicht mehr darum kümmern. Ich habe unter denen, die sich einer unerschütterlichen Gesundheit erfreuen, noch keinen getroffen, der nicht nach irgendeiner Seite hin ein bißchen beschränkt gewesen wäre – wie solche, die nie gereist sind.“

André Gide (Tagebuch 1930) dasninternational.org…

18. November

„Ja, ich liebe das Krankhafte, nicht die Krankheit an sich. Das Krankhafte ist der Gegner, der natürliche Gegner der Uniformiertheit. Alles Krankhafte ist von sich aus, von seiner Natur her originell. Das Krankhafte bringt uns auf die Welt, denn was ist die Befruchtung anderes als Infektion, das Krankhafte läßt uns auferstehen, gesunden, gibt uns Kraft, wenn wir trotz ihm Schwierigkeiten überwinden. Es ist ein Elixier. Es ermöglicht uns Hoffnung, Neubeginn, es entfernt uns vom Normalen, gibt uns mehr Freiheitsgrade, macht die Angelegenheit Leben spannend.“

Helmut Eisendle. Die Gaunersprache der Intellektuellen (1986) Obduktion

19. November

„Man stirbt, wie es gerade kommt; man stirbt den Tod, der zu der Krankheit gehört, die man hat (denn seit man alle Krankheiten kennt, weiß man auch, daß die verschiedenen lethalen Abschlüsse zu den Krankheiten gehören und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun) […] Wenn ich nach Hause denke, wo nun niemand mehr ist, dann glaube ich, das muß früher anders gewesen sein. Früher wußte man (oder vielleicht man ahnte es), daß man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen. Die Frauen hatten ihn im Schoß und die Männer in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz.“

R.M Rilke. Malte Laurids Brigge (1910/2003), Bd. 4, S. 106

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