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6. November

„Ich bin nicht mehr in den Jahren, daß ein großer Wechsel, und wäre es einer zum Besseren, einen Sinn für mich hätte. Die Zeit ist dahin, ein anderer Mensch zu werden. Würde mir ein großes Glück in die Hände fallen, so wäre es mir leid darum, daß es nicht früher kam, da ich es hätte genießen können. Und ebenso ginge es mir mit Gütern des Geistes. Was soll eine feinere Lebenskunst dem, der kein Leben mehr hat! […] Was soll die Wissenschaft dem, der keinen Kopf mehr für sie hat?“

Montaigne. Essais (1587) III, 10 [Ü: Paul Sakmann]

7. November

„Am Ende des Tischs hat Sainte-Beuve das Aussehen eines Maître-d’Hôtel. Eine grausige Zeremonie. Man könnte meinen, wir hielten schon das Totenmahl für den anwesenden Gastgeber. Ich finde ihn gebrochen, gealtert, salbadernd; um sich zu beklagen, wie sauer es ihm fällt weiterzuleben, hat er die senile Mimik der Greise, dieses Augenschließen, das zu sagen scheint: ‚Ich weiß ja, wie es um mich steht!‘ Die Gesten voll trauriger Salbung und Sätze, die sich mit leeren Worten beklagen. Er ißt nichts, zwei- oder dreimal steht er während des Diners auf, bittet, daß man ihn nicht beachtet, kommt zurück wie der Wiedergänger seines Hauses, wie ein Greisenschatten, der niemandem zur Last fallen will.“

Edmond und Jules de Goncourt. Tagebücher. 14. November 1867 (Ü: J.F. Wittkop)

8. November

„Das Schwinden aller Kräfte im zunehmenden Alter, und immer mehr und mehr, ist allerdings sehr traurig: doch ist es notwendig, ja wohltätig: weil sonst der Tod zu schwer werden würde, dem es vorarbeitet. Daher ist der größte Gewinn, den das Erreichen eines sehr hohen Alters bringt, die Euthanasie, das überaus leichte, durch keine Krankheit eingeleitete, von keiner Zuckung begleitete und gar nicht gefühlte Sterben. Im Upanischad des Veda wird die natürliche Lebensdauer auf 100 Jahre angegeben. Ich glaube mit Recht; weil ich bemerkt habe, daß nur die, welche das 90. Jahr überschritten haben, der Euthanasie teilhaft werden, d.h. ohne alle Krankheit, auch ohne Apoplexie, ohne Zuckung, ohne Röcheln, ja bisweilen ohne zu erblassen, meistens sitzend, und zwar nach dem Essen, sterben, oder vielmehr gar nicht sterben, sondern nur zu leben aufhören. In jedem früheren Alter stirbt man bloß an Krankheiten, also vorzeitig.

Schopenhauer. Aphorismen zur Lebensweisheit (1851). VI. Vom Unterschiede der Lebensalter

9. November

„Welch Hirngespinst ist es doch zu erwarten, daß man an dem Kräfteschwund sterben werde, den das höchste Greisenalter mit sich bringt, und sich ihn als Ziel unsrer Lebenszeit zu setzen, wo es sich in Wirklichkeit um die seltenste und ungewöhnlichste aller Todesarten handelt! Sie allein nennt man natürlich, als ob es gegen die Natur verstieße, wenn ein Mensch sich bei einem Sturz de Hals bricht oder bei einem Schiffbruch ertrinkt, von der Pest ereilt wird oder einer Pleuritis zum Opfer fällt, und als ob es nicht vielmehr unser gewöhnliches Los wäre, all diesen Widrigkeiten ausgeliefert zu sein. Machen wir uns mit solchen Schönrednereien nichts vor! Wir sollten eher das als natürlich bezeichnen, was alltäglich, allgemeingültig und allumfassend ist. An Altersschwäche zu sterben ist ein seltener, ein geradezu außergewöhnlicher Tod – und daher weniger natürlich als die andern: Es ist die letzte und äußerste Art Art des Sterbens.“

Montaigne. Essais (1587) I, 57 [Ü: Hans Stilett]

10. November

“Ein Glück aber ist es, wenn dem Greise noch die Liebe zu seinem Studium, auch zur Musik, zum Schauspiele und überhaupt eine gewisse Empfänglichkeit für das Äußere geblieben ist; wie diese allerdings bei einigen bis ins späteste Alter fortdauert. Was einer »an sich selbst hat«, kommt ihm nie mehr zu gute, als im Alter. Die meisten freilich, als welche stets stumpf waren, werden im höheren Alter mehr und mehr zu Automaten: sie denken, sagen und tun immer dasselbe, und kein äußerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern oder etwas neues aus ihnen hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf.”

Schopenhauer. Aphorismen zur Lebensweisheit (1851). VI. Vom Unterschiede der Lebensalter

„Der bejahrte Murrkopf, welcher fest glaubt, daß in seiner Jugend die Welt viel ordentlicher und die Menschen besser gewesen wären, ist ein Phantast in Ansehung seiner Erinnerung“

Kant. Versuch über die Krankheiten des Kopfes (1764)

11. November

„Γηράσκω δ’αιεί πολλά διδασκόμενος –

Ich werde älter, noch immer viel lernend“

Solon (ca. 640 – ca. 560),fr. 18. In: Poetae Lyrici Graeci (5.1915), S.47

„Never too late to learn, Cato, at 80 years of age began to study the Greek language. Socrates, at an extreme old age, learned to play on musical instruments. Plutarch, when between 70 and 80, began to learn Latin. Dr. Johnson applied himself to the Dutch language but a few years before his death. Ludovico Monaldesco, at the great age of 115 years, wrote the memoirs of his own times. Ogilby, the translator of Homer and Virgil, was unacquainted with Latin or Greek till he was past 50. Franklin did not begin his philosophical studies till he had reached his 50th year. Dryden in his 68th year commenced the translation of the Aeneid, his most pleading production. Boccaccio was 30 years when he commenced his studies in light literature; yet he became one of the three greatest masters of the Tuscan dialect, Dante and Petrarch being the other two. Many similar cases might be cited.“

Don Lemon (Ed.). Everybody’s Pocket Cyclopedia. London 560th./1892, p.78

12. November

„Man sagt sich oft im Leben, daß man die Vielgeschäftigkeit, Polypragmosyne, vermeide, besonders, je älter man wird, sich desto weniger in ein neues Geschäft einlassen sollte. Aber man hat gut reden, gut sich und anderen rathen. Älter werden heißt selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muß entweder zu handeln ganz aufhören oder mit Willen und Bewußtsein das neue Rollenfach übernehmen“

Goethe. Maximen und Reflexionen (1833) Nr. 259

„Überaus schön hat Voltaire gesagt:
‚Qui n’a pas l’esprit de son âge
De son âge a tout le malheur.’”

Schopenhauer. Aphorismen zur Lebensweisheit (1851). VI. Vom Unterschiede der Lebensalter

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