Ausgabe: Freitag 03.09.2010




Werbung

Die-Stadtredaktion.de diskutiert mit Online-Journalisten und interessierten Heidelbergern

3. Februar 2010 | Von nh | Ressort: Das Thema, Die Stadtredaktion, Medien

Die-Stadtredaktion.de – Auftaktveranstaltung am 28.01.2010 um 19:30 Uhr in der Bibliothek des DAI Heidelberg.

von Atossa Kamran und Nils Herbstrieth

Die-Stadtredaktion.de hat zwei herausragende Online-Journalisten zu ihrer Auftaktveranstaltung am 28.01.2010 zum Thema „Online oder Offline – Quo Vadis Journalismus” eingeladen: Thierry Chervel, der Geschäftsführer des Online-Kultur-Magazins perlentaucher.de und Hardy Prothmann, den Macher des Heddesheim-Blog. Beide werden deutschlandweit kontrovers diskutiert. Und das nicht ohne Grund.  Innovativ, progressiv und provokativ: So arbeiten beide. Das kommt an. Das jedenfalls dachte die Jury, als sie Thierry Chervels perlentaucher.de 2003 mit dem Grimme-Online-Award auszeichnete.

Langweilige Provinz-Themen: Der Lokaljournalismus gilt nicht gerade als besonders spannend. Doch es geht auch anders. Das hat Hardy Prothmann mit seinem Heddesheim-Blog bewiesen: Er gewann 2009 den dritten Preis in der Kategorie „Regionale Autoren“ für seine journalistische Leistung.

Foto: privat

Nils Herbstrieth, 1. Vorsitzender von MeinungsBildung e.V., begrüßte die Gäste auf dem Podium und im Publikum. Er stellte den Verein und die neue Online-Zeitung für Heidelberg vor. Die-Stadtredaktion.de wird von MeinungsBildung e.V. herausgegeben und soll die Heidelberger Medienlandschaft mit lokalen Themen bereichern. Heidelberg wird seit 20 Jahren ausschließlich von der Rhein-Neckar-Zeitung, ein originäres Print-Medium, mit lokalen Themen versorgt. Alternative Quellen für Informationen und Meinungen gibt es kaum. Erst durch mehrere Quellen wird echte Meinungsbildung jedes einzelnen erst möglich.

Gründungsmitglied Dietrich Hildebrandt sprach über seine Motivation den Verein und Die-Stadtredaktion.de zu fördern. Schon vor 20 Jahren, als die Heidelberger Rundschau den Betrieb einstellte, war es für ihn wichtig für eine zweite Informations- und  Meinungsquelle einzutreten. 5 Jahre lang gelang dies mit der Communale, die auch über einen Verein als Initiative Heidelberger Bürger geführt wurde. Danach wurde der Kostendruck zu hoch für ein Printmedium, der Vertrieb musste eingestellt werden. Jetzt scheint die Zeit gekommen über die neuen Medien den Geist der Communale neu aufleben zu lassen.

Theresia Bauer richtete ihr Grußwort an die anwesenden und betonte die enorme Wichtigkeit einer freien und vielfältigen Presse für die demokratische und politische Meinungsbildung. Am Beispiel Cuba erläuterte sie, wie gerade durch das Internet auch bei staatlich eingeschränkter Pressefreiheit ein Meinungsaustausch über eine unabhängige Bloggerszene entstehen kann.

Moderator Nils Herbstrieth leitete wieder über zu den lokalen Themen. “Was für Cuba gut ist, kann für Heidelberg und Heddesheim nicht schlecht sein”.

Chervel und Prothmann stellten jeweils ihr Web-Magazin vor und sprachen über heftige Reaktionen auf ihre Site. „Ein Heddesheimer fragte mich erstaunt, wie ich denn so viel Kritisches veröffentlichen könne“, so Prothmann. Für ihn eine typische Aussage von Medienkonsumenten, die nur lokale Hofberichterstattung über Bürgermeister und Gemeinderat kennen. Oder eben langweilige Reportagen über noch langweiligere Dorf-Feste. „Bratwurstjournalismus“, wie er es nennt.

von links: Atossa Kamran (Die-Stadtredaktion.de) Nils Herbstrieth (MeinungsBildung e.V.)
Thierry Chervel (perlentaucher.de) Hardy Prothmann (heddesheimblog.de)
Foto: Horst Pölitz/heddesheimblog

Auch Chervel lebt mit Reaktionen auf sein Online-Magazin perlentaucher.de . Hier aber beschweren sich nicht die Konsumenten. Nein, es sind die Kollegen aus dem Printlager: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung hatten dagegen geklagt, dass perlentaucher.de Abstracts (Auszüge) von Buchrezensionen veröffentliche. Das Oberlandesgericht Frankfurt entschied hingegen, das die Verwertungsrechte von Verlagen damit nicht verletzt seien. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig. Ein Endgültiges Ergebnis wird im Sommer erwartet. „Alles ist möglich!“ Chervel gab sich wenig optimistisch.

Wie lässt sich Online-Journalismus gewinnbringend finanzieren? Auf diese spannende Frage hatte auch Chervel keine Antwort. Prothmann dagegen ist zuversichtlicher und stellte seinen erfolgversprechenden Weg vor: Premium Werber für jedes Blog, bezahlte Video-Portraits ansässiger Top-Gastronomie. Ergänzend dazu noch lokale Online-Anzeigen. Deren Vorteil sei die stetige Abrufbarkeit, ganz unabhängig von Datum und Uhrzeit auch über einen längeren Zeitraum. Anzeigen in Zeitungen hingegen hätten nicht diesen Vorteil. Stattdessen würden sie am nächsten Tag als Wickelpapier für Fisch herhalten. Nicht gerade im Sinne des Anzeigenkunden.

Qualität und Glaubwürdigkeit sind zentrale Marker von gutem Journalismus. Beides ist eine Frage von Geld und von Qualifikation. „Im Netz befinden sich doch nur Selbstdarsteller, die von gutem Journalismus keine Ahnung haben!“ Damit bündelte der Herr im Publikum den Strauß gängiger Vorurteile. Er war sich sicher, dass es doch unmöglich wäre, aus der Flut an Informationen im Internet die richtigen und qualitätsvollen herauszufinden. Hardy Prothmann widersprach: „Das Schlüsselwort heißt Medienkompetenz. Und dabei ist es egal, ob sie online oder offline sind. Schauen sie sich mal hier in der Bibliothek um. Glauben sie, dass sie ohne Medienkompetenz in der Lage sind, das richtige Buch heraus zu suchen?“

Der Herr im Publikum ließ nicht locker: „Echter Journalismus findet doch im Netz nicht statt. Bürgerjournalisten sind nicht in der Lage, relevante Themen zu finden, sie angemessen zu ordnen und zu gewichten.“ Was echte Recherche sei, wüssten sie auch nicht. „Schlechte Recherchen kommen auch im klassischen Journalismus vor. Oft ist Geldmangel hier schuld: Man kann sich nicht mehr die Zeit nehmen, die gute Recherche nun mal braucht“, entgegnete Chervel. 80 € Honorar für einen Artikel, der inklusive Recherche 2 Tage Arbeit macht, sind durchaus üblich.

Das Ende des guten Journalismus ist damit jedenfalls noch nicht eingeläutet. Chervel und Prothmann sind da ganz optimistisch. Der Herr im Publikum bleibt vermutlich skeptisch. Die nahe Zukunft wird es zeigen.

  • Share/Bookmark

Keine ähnlichen Artikel.

Diesen Artikel drucken (mit Vorschau) Diesen Artikel drucken (mit Vorschau)

Tags: , , , , ,

Ein Kommentar
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. [...] Die-Stadtredaktion.de diskutiert mit Online-Journalisten und interessierten Heidelbergern [...]

Schreibe einen Kommentar