von Atossa Kamran für Die-Stadtredaktion.de
Fluch oder Segen: Das Internet ist nicht etwa eine noch nicht etablierte Erfindung von gestern. Und doch vergeht noch immer fast kein Tag, an dem es nicht Thema der öffentlichen Diskussion ist. Kein Wunder, schließlich revolutioniert seine Technik den Zugriff auf Informationen und die Möglichkeiten der Kommunikation. Auch die der medialen Kommunikation. Früher war der Journalismus ein einseitiges vom Produzenten initiiertes Sichten, Ordnen und Bereitstellen von diskursfähigen Informationen als Grundlage für die Meinungsbildung. Ganz anders heute: Jeder kann im Netz Informationen in kürzester Zeit bereitstellen oder vorhandene diskutieren. Die Produktion von Information hat damit nun eine netzartige Struktur. Der Journalismus wird dadurch komplett neu definiert. Wohin geht die Reise: Thierry Chervel, Journalist von perlentaucher.de nimmt Stellung.
Ist der deutsche Print-Journalismus tot?
Keineswegs. Verglichen mit den USA stehen die deutschen Zeitungen noch prächtig da, vor allem weil sie wesentlich höhere Abogebühren nehmen und das verbleibende Publikum dies noch akzeptiert. Auch die Anzeigen werden nach der Krise wiederkommen, wenn auch vielleicht nicht im gleichen Ausmaß. Außerdem arbeiten die Lobbygruppen an der Zementierung ihrer Existenz durch Leistungsschutzrechte und andere Formen der Subvention. Eines aber sollte man nicht übersehen: Der Unterschied zwischen “Print” und “Online” wird immer willkürlicher. Sämtliche Medieninhalte sind heute digital – und darum ist eigentlich alles Internet.
Warum werden immer mehr Journalisten entlassen bzw. schlecht bezahlt? Geht es den Verlagshäusern schlecht?
Sparen müssen sie auf jeden Fall. Freie Journalisten hatten schon immer einen elenden Status, der sich seit der Zeitungskrise vor ein paar Jahren noch verschärft hat. Hier ist es immer am leichtesten zu sparen. Festangestellte sind schwer zu entlassen. Die Freien sind die Opfer eines soliden Arbeitsrechts – darum werden auch immer weniger Leute fest angestellt.
In den USA schließen viele Zeitungs-Häuser. Warum?
Die Krise ist in den USA vor allem deshalb dramatischer, weil die Zeitungen keine “realistischen” Abopreise nehmen. Die Abopreise sind wesentlich niedriger als in Deutschland, weil es den amerikanischen Zeitungen vor allem um Auflage und damit eine höhere Kontaktzahl für Werbetreibende ging. Fällt die Werbung weg, dann stützt der Verkaufspreis die Zeitungen nicht mehr ab. Außerdem ist die amerikanische Gesellschaft mobiler. Man abonniert eine Zeitung vielleicht nicht über Jahrzehnte.
Was sind die Marker von gutem Journalismus?
Immer die gleichen: Unabhängigkeit, Wahrhaftigkeit.
Was hältst Du von der Qualitätsdebatte über den Journalismus?
Diese Debatte ist ein bisschen abgeflaut. Aus ihr resultierte zum Beispiel die Forderung der Verlage nach Leistungsschutzrechten. Inzwischen ist einiges passiert. Zeitungen wollen wieder paywalls hochziehen. Zugleich gibt es neue Endgeräte wie Iphone, Googlephone, Ipad, die die Lage wieder verändern. Die sozialen Dienste im Internet verändern die Landschaft ebenfalls. Außerdem lässt sich die These, dass nur der professionelle Journalismus die gesellschaftliche Debatte wirklich voranbringen kann, immer weniger aufrecht erhalten. Zu viele Impulse kommen aus dem Netz. Das müssen inzwischen sogar jene Journalisten einsehen, die Blogger vor ein paar Jahren noch als meckernde Eckensteher abtaten.
Der Deutsche Journalisten Verband hat nach sechs Jahren erst ein Honorar für Freie Journalisten vereinbart. Einige Journalisten empfinden das Ergebnis als enttäuschend. Deine Position dazu?
Die Gewerkschaften haben sich diese Vereinbarung für ihr Wohlwollen in der Frage der Leistungsschutzrechte abkaufen lassen. Das Dumme ist, dass sie sich auf zu niedrige Sätze haben festlegen lassen und dass die unsinnige Bezahlung nach Zeilen nicht abgeschafft wird. Einzig richtig wäre eine Bezahlung von Journalisten nach Tages- und Stundensätzen.
„Google-Bashing“ ist sehr en vogue. Weshalb?
Google gibt das Tempo der Innovation vor, mit manchmal unwiderstehlicher Logik. Das macht Angst, zum Teil zurecht, denn jede Tendenz zum Monopol ist zu bekämpfen. Gleichzeitig zeigt sich für Google aber aus neuen Ecken Konkurrenz, von sozialen Dienten wie Twitter und Facebook einerseits, von einem Akteur wie Apple andererseits, der den Inhalt über den Kult um seine Geräte dominieren will.
Stichwort Urheberrecht: Für Jérème Zimmermann ist die Bestimmung des geistigen Eigentums sein Verbreiten. Was denkst Du?
Das Wesen von Kultur ist es, auf dem, was schon ist, aufzubauen. Wir sprechen in einer Sprache, die halb entstanden ist, und halb von anderen geschaffen wurde. Würden auf Wendungen und Wörter ein Copyright bestehen, dann könnten wir nicht mehr kommunizieren. So viel anders ist es in Kunst und Kultur nicht. Urheberrecht soll die Urheber in Stand setzten, von ihren Schöpfungen zu leben, es soll aber nicht dazu dienen, eine Auseinandersetzung mit Kunst und die Zirkulation von Ideen zu behindern. Durch das Internet sind neue Bedingungen entstanden, die ein neues Recht erfordern, keine Zementierung, sondern eine Öffnung.
Fiktive Situation: Du bist im Zeitschriften-Kiosk von Bahnhof mit sechs Euro in der Tasche. Welche journalistische Publikation kaufst Du dir für die Zug-Lektüre?
Am Montag wohl am ehesten den Spiegel. Wenn ich die Wirtschaftsseiten der FAZ, die ich hervorragend finde, getrennt kaufen könnte, würde ich das tun.
Medienrezipienten informieren sich mehr und mehr im Netz. Da wäre es doch naheliegend, ein cleveres Geschäftsmodell für Netz-Angebote zu entwickeln: Micro-Payment für Apps, Kultur-Flatrate und Spenden sind derzeit im Gespräch bzw. schon realisiert. Deine Meinung dazu?
Ich glaube, die Leute sind bereit zu bezahlen, wenn ihnen überzeugende, plattformunabhängige Angebote gemacht werden. Abos einzelner Zeitungen halte ich zum Beispiel für sinnlos. Man möchte Inhalte zu bestimmten Interessengebieten, unabhängig vom Medium.
Print-Journalisten werfen Online-Journalisten oft Inkompetenz vor. Dabei existieren bereits inhaltlich sehr hochwertige Sites. Warum also diese Abwertung?
Konkurrenz. Ist nur natürlich.
Manche Journalisten kritisieren den etablierten Journalismus als langweilig: Die „alten Medien“ würden sich in den Inhalten ständig wiederholen, weil sie voneinander abschreiben würden. Könnte das Internet nicht ein Impuls-Geber für Innovationen sein?
Das Internet ist längst Impulsgeber. Sehr viele Themen werden heute im Netz gesetzt und von den Printmedien aufgegriffen.
Internet-Euphoriker sehen das Internet als Medium echter Demokratie. Sie kritisieren, dass mehr und mehr Gesetzte diese Demokratie aushöhle. Sind das weltfremde Romantiker oder was ist an dieser Position dran?
Das Internet schafft eine Demokratisierung. Zugleich aber lässt es sich als Überwachungstechnologie missbrauchen. Vorratsdatenspeicherung zum Beispiel bedeutet ja so etwas wie die vorsorgliche Aufhebung des Postgeheimnisses. Privatsphäre wird an allen Seiten angeknabbert, vom Staat und von Unternehmen. Hier ist Wachsamkeit geboten!
Lokaljournalismus gilt nicht gerade als spannend. Was läuft da schief?
Das Lokale ist zur Zeit das spannendste Feld im Internet überhaupt. Dienste wie Qype, Google Maps, Foursquare verändern in Verbindung mit Smartphones unser Verhältnis zur direkten Umgebung. Noch haben sich noch nicht viel entsprechende journalistische oder bürgerjournalistischen Projekte ergeben, weil es ein Problem mit dem Geschäftsmodell gibt. Ich glaube aber, dass einige der wesentlichen Veränderungen aus der Sphäre des Lokalen kommen werden: vielleicht ist das sogar das Web 3.0.
Thierry Chervel war Gast bei der ersten Veranstaltung von Die-Stadtredaktion.de:
Die-Stadtredaktion.de diskutiert mit Online-Journalisten und interessierten Heidelbergern
Grafiken: Chrstian Burger PR Trends
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es ist zwar schon alles gesagt, aber immer noch nicht von allen.
und vor originalität strotzt der herr chervel ja auch nicht eben — wozu allerdings die ausgesprochen ausgelutschten fragen erheblich beitragen.
(von haarsträubenden formulierungen wie “die Marker von gutem Journalismus” ganz zu schweigen.)
Gesagt ist zwar schon viel, aber alles? Das wäre schlecht, denn der Status Quo kanns ja wohl nicht sein. Falls doch, geht er dahin, der Journalismus. Also wird man weiter sagen, ob das dann viel sagend ist sei mal dahin gestellt. Interessant wären Konzepte, aber die haben ja nicht mal diejenigen die sich wirklich intensiv mit dem Thema befassen. Wenn dann dabei rauskommt, wie jetzt in Berlin, die personalisierten Internetnews und Facebook-Kommentare von gestern auf Papier zu drucken und dann per Post zu versenden, frage ich mich ob das die richtige Richtung ist. Aber immerhin, ein Konzept!