Von Nils Herbstrieth für Die-Stadtredaktion.de
Angela Merkel ahnt es, die UNESCO weiß es, nur die Heidelberger haben es noch nicht begriffen. Eine intakte Altstadt, eine Alte Brücke und eine Schlossruine reichen auf Dauer nicht aus um eine Stadt attraktiv zu machen und vor allem attraktiv zu halten. Es reicht nicht für die Aufnahme in die Liste der Weltkulturerbe der UNESCO und es reicht auch nicht den durchschnittlichen Touristen länger als einen halben Tag zu beschäftigen.
Der durchschnittliche Tourist scheint genau der zu sein, den man nach Heidelberg locken will. Ein einfaches Gemüt und nicht zu viel Stil sollte er haben, nicht besonders gebildet und möglichst auch nicht all zu anspruchsvoll. Wenn man das Programm und die Werbetexte von Heidelberg Marketing liest, kann man keine anderen Schlüsse ziehen. Die bekannten Festivals, der immer gleiche Heidelberger Herbst, der voll kommerzialisierte Weihnachtsmarkt inklusive Büdchenzauber und überdimensionaler Weihnachtspyramide, die unausweichliche Schlossbeleuchtung, ein paar Sportevents und der Ball der Vampire für Faschingsfans 60+. Dazu gibts seit einiger Zeit dann “Spezialarrangements” mit Hotel und Abendessen. Der Inhalt bleibt der Gleiche.
Die Werbe- und Pressetexte hierzu glänzen auch nicht gerade durch Innovation und Qualität. Ein Beispiel gefällig? Heidelberg Marketing zur Schlossbeleuchtung 2010:
“Wenn das glühende Schloss langsam verblasst, beginnt der zweite Teil des Spektakels. Ein Feuerwerk überstrahlt den Nachthimmel der romantischen Stadt am Neckar: Explosionen in der Luft, Goldregen fällt vom Himmel, das Firmament ist bunt erleuchtet. Beinahe irreal erscheint die Heidelberger Altstadt in diesem Lichterglanz.”
Das könnte man ja fast für Lyrik halten, die Kundschaft, die solche Texte anspricht, stirbt aber leider langsam aus. Überhaupt meint man hier das 21. Jahrhundert irgendwie verpasst zu haben. Alles drumherum macht einen vergilbten und lieblosen Eindruck. Die einzige echte Touristeninformation am Bahnhof findet man kaum inmitten von tausenden Fahrrädern und sie strahlt natürlich wie vieles hier den Charme der 70er Jahre aus. Seither ist nichts daran geändert worden, erst jetzt sollen ein paar Euros in dieses Bauwerk investiert werden. Die WebCam mit Schlossblick hängt seit Jahren schief, und die Auswahl an Souvenirs ist geradezu peinlich. Auch schön ist der sicher nicht ganz billige Werbefilm “Heidelberg – Just around the Corner”. Der strotzt
nur so von Plattitüden, gewöhnlichen Perspektiven, anpreiserischen Sprechern und Musik die in jedem dritten Stadtwerbefilm Verwendung findet. Dabei findet man direkt unterhalb dieses Meisterwerks den Film “Heidelberger Herbst” von Stadtleben.tv, der zeigt, wie man es mit einfachen Mitteln viel besser machen kann. Die von Heidelberg Marketing angebotenen Fotos und Postkarten kommen leider auch nicht über die üblichen Ansichten und Perspektiven hinaus, es gibt kaum ein Motiv ohne Schloss oder Alte Brücke, manche Fotos scheinen noch aus den 70ern zu stammen, siehe oben.
Wer soll sich also in den nächsten Jahrzehnten nach Heidelberg begeben? Und wird er mehr als einen halben Tag beschäftigt sein? Wie sieht er aus, der Tourismus der Zukunft? Mal abgesehen von den extrakontinentalen Bustouristen, die nach wie vor durch Heidelberg durchrauschen und die wohl auch die einzigen Abnehmer für den muffigen Kitsch längst vergangener Zeiten sind, den es rund um die Heiliggeist-Citykirche immer noch zu Kaufen gibt.
Der Tourist des 21.Jahrhunderts hat doch andere Ansprüche. Er hätte gerne stilvollen Kitsch , zeitgemäße und richtungsweisende Stadtgestaltung , außergewöhnliche Shoppingmöglichkeiten, kreative Gastronomie, sehenswerte zeitgenössische Architektur, herausragende Kulturangebote, Szeneviertel mit Entwicklungspotential ….. all das findet er hier nicht.
Bilder: Heidelberg Marketing
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Na das sind ja prima Alternativvorschläge… Damit würde Heidelberg dann weiter zubetoniert und wir hätten hier die gleichen “Highlights” wie jede andere Stadt mit einem “Highlight” auch. Kein Mensch käme nach Heidelberg wegen irgendeines in Beton gegossenen Museums. Die Touristen wollen eben das Schloss mit der Alten Brücke und Altstadt im Neckartal sehen. Warum passt Ihnen das denn nicht, dass eben diese Motive in 100 Varianten auf Postkarten abgebildet sind? Wenn Sie nach Prag nur wegen des Bieres fahren, ist das natürlich auch ein Grund, aber vielleicht etwas schade… Warum stören Sie die Postkartenmotive von Heidelberg, Sie schicken doch eh keine Karten von hier, oder? Alternativ kann ich den Griff zum eigenen Foto empfehlen – wenn das Motiv sehr gelungen ist hindert SIe ja niemand daran, es als Postkarte anzbieten!
Dass einige Anlaufpunkte der touristischen Infrastruktur nicht so ganz dem modernen Zeitgeist gerecht werden ist durchaus richtig. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob ein Tourist irgendeinen Nutzen von einer aufgehübschten Touristinformation hat. Ich denke nein, denn die Leute kommen eh wegen dem Schloss und empfehlen HD wegen seines Altstadtflairs weiter. Da interessiert es niemanden, wie die Touristeninfo am Bahnhof aussieht.
“Niemanden” stimmt natürlich nicht ganz, denn uns, die Menschen, die hier leben interessiert es sehr, weil wir diese Dinge zum Teil jeden Tag sehen müssen. Dann seien wir aber auch so klar, dies so zu benennen. Lasst uns Heidelberg lebenswerter und schöner machen für uns Heidelberger, denn wir müssen und dürfen hier leben. Die Touristen kommen sowieso.
Weitere Beispiele:
Öffentliche Toiletten helfen nicht nur Touristen in der Not, sie bewahren vor allem die lokalen Hauswände und Grünanlagen vor Urin, sprich WIR haben den Gestank nicht zu ertragen, die Touris sind weg bevor es zu stinken beginnt.
Die Touris komme immer irgendwie zum Schloss, der ÖPNV und der Bismarkplatz sind aber für UNS eine Zumutung.
Schönere “Eingangstore” am Stadteingang interessieren nicht die Touristen, die schauen in die Karte oder das Navi – WIR sehen jeden Tag die Brachflächen an der Autobahn, der Römerstraße, Speyrer Straße (wie lange braucht man eigentlich um eine Brücke abzureissen?!) und in Handschuhsheim (gelobt sei, wer aus dem Neckartal kommend im Stau steht).